Forderungen für Frauen und Menschen der Geschlechtervielfalt in der Landwirtschaft in der Schweiz
Präambel:
2024 arbeiteten 54.000 Frauen im Schweizer Agrarsektor (von insgesamt 147.000 Beschäftigten, alle Statusformen eingeschlossen – ohne Care-Arbeit). Lediglich 7,7 % der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe wurden von Betriebsleiterinnen geführt. Dieser geringe Anteil ist besonders auffällig, da der europäische Durchschnitt bei rund 30 % liegt. Der Berufsstatus – wie Betriebsleiterin, Angestellte, Mitverantwortliche, Teilhaberin oder Saisonarbeiterin – bestimmt jedoch die Rechte, Pflichten und Entlohnungsformen der Frauen in der Landwirtschaft. Diskriminierung beim Zugang zu Ressourcen für die landwirtschaftliche Arbeit kann sich dabei mit weiteren Dimensionen wie Geschlecht, sexueller Orientierung, sozioökonomischer Herkunft, Nationalität, Rassismus, Behinderung, Alter oder Religion überschneiden.
Seit Jahren setzen sich die Schweizer Agrarpolitik und landwirtschaftliche Organisationen für die Anerkennung der Arbeit von Ehepartner*innen – meist Frauen – ein. Doch die Fortschritte bleiben bescheiden: Die Anerkennung ihres Berufsstatus, die soziale Absicherung und die Rentenansprüche bleiben unzureichend.
Wie sähe eine landwirtschaftliche Entwicklung aus, die sich aktiv den Ungleichheiten stellt, denen Frauen und Menschen der Geschlechtervielfalt ausgesetzt sind? Dabei gilt es zu bedenken, dass Gleichstellung als alleiniges Ziel oft dazu führt, dass alltäglicher Sexismus unsichtbar bleibt und männlich geprägte Kompetenzen überbewertet werden.
Im Jahr 2026 – von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Landwirtinnen erklärt – schlägt dieses Dokument Leitlinien vor, um grundlegende Fortschritte in den Bereichen Arbeitsbedingungen und berufliche Anerkennung, Zugang zu Ressourcen sowie Schutz vor Diskriminierung und Gewalt in der Landwirtschaft zu verwirklichen. Je vielfältiger unsere Landwirtschaft ist, desto nachhaltiger wird sie sein und desto besser wird sie vorbereitet sein, den agrarökologischen Wandel zu vollziehen.
Unterzeichnende am 14. Juni 2026 :
Uniterre, Femmes* de la terre, MAPC (Mouvement pour une agriculture paysanne et citoyenne, Agroecology Works! , F.A.M.E. (Formation Autogérée de Maraîchage Écologique) und das Treffen der Begegnungsallmende (B-Allmend)
Hinweis: Um ein breites Publikum zu erreichen und eine bessere Berücksichtigung durch die Institutionen zu fördern, beschränken wir uns hier auf eine binäre inklusive Sprache. Unser Ansatz schliesst jedoch ausdrücklich auch queere und nicht-binäre Personen ein. Diese Formulierungen sind als vorläufig zu verstehen und werden sich weiterentwickeln.
1. Arbeitsbedingungen und berufliche Anerkennung
Wir fordern:
- Vollständige und uneingeschränkte Anerkennung der Arbeit von Landwirtinnen, Ehepartnerinnen, Mitarbeiterinnen und landwirtschaftlichen Arbeitnehmerinnen durch einen klaren beruflichen und rechtlichen Status für jede Person.
- Effektiven Zugang zu Sozialversicherungen, Altersvorsorge, Krankenschutz, Unfallversicherung, Schutz bei Trennung sowie eine Elternzeit.
- Unterstützungsmechanismen für körperliche (z. B. Menstruation) und psychische Gesundheit.
- Gleiche Chancen auf landwirtschaftliche Ausbildungen, Weiterbildungen, Informationszugang und Beratung – inklusive genderneutraler Lehrinhalte.
- Faire Repräsentation der Interessen von Frauen und geschlechtlicher Minderheiten in, Landwirtschaftsorganisationen, Gewerkschaften, Ausbildungsstätten, Beratungsstellen, Genossenschaften, Bodenkommissionen und politischen Entscheidungsgremien.
- Anerkennung und Sichtbarmachung der Berufsbiografien von Landwirtinnen, Ehepartnerinnen, Mitarbeiterinnen und landwirtschaftlichen Arbeitnehmerinnen in Berufsverbänden, Landwirtschaftsschulen und Forschungsinstitutionen.
2. Zugang zu Land, Ressourcen und Hofübergaben
Wir fordern:
- Echte Chancengleichheit beim Zugang zu Grundbesitz, Hofübernahmen, Agrarkrediten und Startförderungen.
- Vollständige Legitimität und gleiche Chancen für alle Kinder – unabhängig vom Geschlecht – bei der innerfamiliären Hofübergabe.
- Transparente und klar kommunizierte Übergabeprozesse für Geschwister von Hoferbenden, unterstützt durch landwirtschaftliche Beratungsstellen, die für systemische Ausschlussmechanismen sensibilisiert sind – zur Verhinderung jeglicher Diskriminierung.
- Stärkung der symbolischen und materiellen Anerkennung der Arbeit von Frauen durch Direktzahlungen und öffentliche Unterstützungen.
- Zugängliche ländliche Infrastrukturen wie Öffentliche Verkehrsmittel, Kinderbetreuung, landwirtschaftliche Beratungsdienste, Gesundheitsversorgung und Mutterschaftsurlaub.
- Entwicklung von angepassten Räumlichkeiten und Werkzeugen, die einer Vielfalt von Körpern und Praktiken gerecht werden.
3. Schutz vor Diskriminierung und Gewalt in der Landwirtschaft
Wir fordern:
- Aktive Prävention und Anerkennung von sexistischer, sexueller, psychischer, häuslicher und LGBTQIA+ – feindlicher Gewalt in landwirtschaftlichen und ländlichen Räumen.
- Zugängliche Unterstützungsangebote wie Beratungsstellen oder Anlaufpunkte für Personen in ländlichen Gebieten.
- Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Rechte von: angestellten Landwirtinnen, migrantischen und saisonalen Arbeiterinnen.
- Gleicher Lohn und gleiche Einstellungschancen für alle in der Landwirtschaft Beschäftigten.
- Regelmässige, transparente und wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahmen zu Geschlechterungleichheiten und deren Entwicklung, durchgeführt von sozialwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen.
4. Auf Ebene unserer Kollektive und Höfe
Wir fordern:
- Hinterfragung von Machtverhältnissen und der Verantwortungsverteilung in landwirtschaftlichen Einheiten.
- Anerkennung und faire Aufteilung von mentaler Arbeit, Care-Arbeit und unsichtbarer Arbeit.
- Umsetzung kollektiver und inklusiver Entscheidungsprozesse in Höfen, landwirtschaftlichen Kollektiven und Berufsorganisationen.
- Unterstützung des Wissenstransfers zwischen Generationen, bei gleichzeitiger Öffnung von Governance-Strukturen für Neueinsteiger*innen.
- Schaffung von Austauschräumen – auch in gewählter Mischform – für Frauen und Menschen der Geschlechtervielfalt.
- Bekämpfung von alltäglichem Sexismus und Überbewertung männlich geprägter Kompetenzen.




