Jordan Voirin, Sekretär Uniterre, Bauer

Ende November 2025 erhielten wir auf der Ferme des Condémines Besuch von Marie Brault und ihrer Praktikantin. Die beiden führten auf unserem Betrieb eine Diagnostic Agriculture Paysanne (DAP) durch. Ich freute mich voller Neugier darauf, meinen Betrieb aus einer anderen Perspektive zu betrachten, als mithilfe von Labelkontrollen oder des ökologischen Leistungsnachweises. Bei der DAP geht es nicht darum, die Einhaltung der Vorschriften nachzuweisen, sondern darum, sich die Zeit zu nehmen, die Sinnhaftigkeit der Arbeits- und Betriebsstrukturen unter die Lupe zu nehmen. In einem langen Gespräch und einem Hofrundgang haben wir unsere Entscheidungen, die Art und Weise der Betriebsführung, Widersprüche, Erfolge und auch Schwächen dargelegt. Die DAP stellt Fragen, die grundlegende Überlegungen in den Bereichen Autonomie, Wertschöpfung und ihre Verteilung, regionale Verankerung, Hofübergabe, Bezug zum Lebenden und den Menschen ermöglichen.

Die Dynamik des Austausches ist eine Andere: Es gibt weder Strafen noch verborgene Notizen. Stattdessen entsteht ein Raum, in dem wir gemeinsam darüber nachdenken können, was, wie und warum wir tun, was wir tun… – und das ist aussergewöhnlich. Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass die DAP Aspekte hervorhebt, die in den herkömmlichen Qualitätskontrollen unsichtbar bleiben. Konkret: Durch die genutzten Indikatoren und Fragen werden Fläche, Arbeitszeit und Produktionsvolumen zueinander in Bezug gestellt. So wird die Arbeitsintensität auf kleinen Flächen sichtbar. Das Instrument berücksichtigt ausserdem die Anzahl beschäftigter Personen und die Arbeitsteilung. Dies hebt die Schaffung von Arbeitsplätzen und die wichtige Rolle des Kollektivs hervor. Indikatoren wie das Produktionsvolumen für den lokalen Verzehr, oder die Beziehung zu den Esser*innen zeigt den konkreten Beitrag des Betriebs an seine Region.

Auch Spannungen, die allseits gut bekannt sind und trotzdem selten benannt werden, erfasst die DAP: belastende Arbeiten, die wirtschaftliche Fragilität, die Unsicherheit betreffend den Grundbesitz oder die fehlende Anerkennung für bäuerliche Kleinstbetriebe. Beim Lesen des Berichtes gilt es denn auch, das mal schmeichelhafte, mal unbequeme Bild anzunehmen, das sich im Ergebnis widerspiegelt. Unser Betrieb erweist sich als stark in den Bereichen Biodiversität, Unabhängigkeit und regionale Einbettung.

Doch die DAP zeigt auch, dass diese Stärke vor Allem auf dem engagierten Einsatz der Mitarbeitenden und der Unterstützung durch die Esser*innen beruht. Ein fragiles Gleichgewicht, insbesondere zwischen der investierten Arbeitszeit und den Löhnen. Aus der Perspektive des DAP stellt sich eine Frage, die weit über unseren eigenen Betrieb hinausreicht: Wie viele landwirtschaftliche Betriebe wollen wir, um die Bevölkerung zu ernähren, und mit welchen Lebens- und Arbeitsbedingungen?

Über die Ergebnisse des Berichts tauschten wir uns insbesondere mit den Esser*innen aus. Wir sprachen über Konkretes, wie die Arbeitszeit, die Organisation des Vertriebs und die tägliche Arbeitsbelastung. Für mich ist die DAP kein Selbstzweck, sondern ein Anhaltspunkt. Sie hilft, Entscheidungen zu festigen oder zu hinterfragen. Sie erinnert uns daran, dass bäuerliche Landwirtschaft nicht nur eine Gesamtheit landwirtschaftlicher Tätigkeiten ist, sondern ein gesellschaftliches Projekt. Und dies wird keine Qualitätskontrolle jemals messen können. •︎