Alberto Silva, Sekretär Uniterre
Die Ernährungssouveränität als politisches Konzept steht im Kern des Engagements von Uniterre. Im Jahr 2018 schmetterte die stimmberechtigte Schweizer Bevölkerung die entsprechende Volksinitiative trotz der massiven Unterstützung in der Romandie mit 68 Prozent Nein-Stimmen ab.
Unsere gegenwärtigen Landwirtschafts- und Ernährungssysteme unterstützen die Entwicklung der Ernährungssouveränität nicht. Einige Indizien gefällig? Hofsterben, Strukturwandel, die sinkenden Produktionspreise und die zunehmende Konkurrenz zwischen Produzent*innen, während eine gesunde und regionale Ernährung zunehmend Menschen mit hohem Einkommen vorbehalten scheint. Die sogenannte «Bauernlobby» wird diese Tendenz kaum umkehren.
Es gibt jedoch auch erfreuliche Schritte in die richtige Richtung: Jüngst hat der Waadtländer Grosse Rat das Konzept der Ernährungssouveränität in der Kantonsverfassung verankert (der Antrag auf die Gesetzesänderung soll in Kürze dem Volk vorgelegt werden). Damit ist noch nicht genug getan und wir erwarten weiterhin konkrete Vorschläge zur Umsetzung des Konzepts. Dennoch drängt diese Entwicklung hoffentlich die Behörden dazu, ihre Verantwortung in der Ernährungspolitik wahrzunehmen, Landwirt*innen und Esser*innen zu schützen und Reichtum gerecht zu verteilen. Denn auch darum geht es bei der Ernährungssouveränität!
Anlass zur Freude gibt auch die Entwicklung der Ernährungskassen, insbesondere in Genf, wo nach sechs Monaten erstmals Bilanz gezogen wurde. Ähnliche Projekte formieren sich in Lausanne und Zürich, und auch in Yverdon und Fribourg wurden erste Kontakte geknüpft. Dies sind konkrete Schritte, um das Recht auf Nahrung lokal umzusetzen. So wird versucht, die fragile Gleichung zwischen fairen Produktionspreisen auf der einen, und einer gesunden Ernährung für alle auf der anderen Seite zu lösen.
Im öffentlichen Gespräch werden tierische und pflanzliche Produktion oft gegeneinander ausgespielt, insbesondere im Hinblick auf die Abstimmung über die Initiative für eine sichere Ernährung. Dies ist faktisch nicht haltbar. Ernährungssouveränität ist ohne die Verteidigung und Entwicklung einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft mit diversifizierten Kulturen und Tierhaltung schlicht unmöglich. Es ist unbestreitbar, dass wir unseren Fleischkonsum hinterfragen müssen. Das tatsächliche Problem liegt aber in der Liberalisierung der Agrarmärkte, nicht zuletzt durch die Spezialisierung der Betriebe. Zukünftige Landwirtschaft muss vielfältig, widerständig, solidarisch und kostendeckend sein. Die Ernährungssouveränität ist das einzige konkrete politische Konzept, das all dies leisten kann. Es ist höchste Zeit, sie umzusetzen! •︎




