Am 27. September stimmen wir über die Initiative für eine sichere Ernährung ab. Diese schlägt vor, den Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln in den nächsten zehn Jahren auf 70% anzuheben. Das Komitee von Uniterre hat die Stimmfreigabe beschlossen.
Die Volksinitiative «für eine sichere Ernährung – durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser (Ernährungsinitiative)», lanciert durch Franziska Herren (auf die auch die Trinkwasserinitiative von 2021 zurückgeht), schlägt vor, die Bundesverfassung auf verschiedenen Ebenen zu verändern. Zentrales Anliegen der Initiative ist es, den Selbstversorgungsgrad in den nächsten 10 Jahren auf 70% anzuheben. Aktuell liegt er bei nicht einmal 50%. Um dies zu erreichen, soll die pflanzliche Produktion gesteigert und die tierische Produktion reduziert werden. Der Initiativtext fordert auch einen starken Umweltschutz (Böden, Gewässer, Biodiversität, Ökosysteme, Klima, Saatgut). Das sind löbliche Ziele, die der Stossrichtung von Uniterre entsprechen: Eine anpassungsfähige Landwirtschaft, die den klimatischen Herausforderungen begegnet, die Bevölkerung ernährt und auf Ernährungssouveränität hinarbeitet.
Gleichwohl kritisieren wir mehrere Aspekte der Initiative: Wir halten es nicht für sinnvoll, eine Landwirtschaftsinitiative ohne die Unterstützung auch nur einer einzigen Landwirtschaftsorganisation zu lancieren. Dies umso mehr, als dass Initiativen in diesem Bereich in den letzten Jahren immer wieder grosse Spannungen hervorgerufen haben. In Anbetracht vergangener Initiativen bezweifeln wir ausserdem, dass es sich dabei um ein erfolgsversprechendes Mittel handelt. Vor diesem Hintergrund verurteilen wir das Vorgehen der Initiativgegner*innen, von einer «Vegan-Initiative» zu sprechen, und damit die Spannungen und Gräben noch zu vertiefen. Selbst ohne Berücksichtigung der Alpen bestehen 70% der Schweizer Landwirtschaftsflächen aus Weiden und Wiesen. Sie können einzig durch Viehhaltung genutzt werden. Die Idee, die Schweizer Landwirtschaft könnte zum Veganismus gezwungen werden, ist also hinfällig.
Es erscheint uns ausserdem illusorisch, das ganze Landwirtschaftssystem der Schweiz in einem Zeitraum von nur 10 Jahren komplett umzukrempeln. Investitionen berechnen sich in der Landwirtschaft in Generationen. Wie soll beispielsweise die Infrastruktur in Milchproduktion und Aufzucht in so kurzer Zeit angepasst werden? Wer trüge die Kosten? Wer soll die Ausfälle ausgleichen, die durch den Rückgang der Viehbestände zugunsten des pflanzlichen Anbaus entstünden? Hinzu kommt die Frage nach der Methode, mit der in so kurzer Zeit und unter einem konservativen Parlament ein Selbstversorgungsgrad von 70% erreicht werden soll: Wir befürchten, dass der Anbau intensiviert würde (Robotisierung, Monokulturen, Hors-Sol), anstatt die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu fördern. Unsere Einschätzung ist zudem, dass es angesichts der gegenwärtigen politischen und kulturellen Lage in der Schweiz schlicht nicht möglich ist, das Konsumverhalten der Bevölkerung in solch kurzer Zeit zu verändern.
Wir möchten tierische und pflanzliche Produktion nicht gegeneinander in Position bringen. Wir kämpfen für eine vielfältige kleinbäuerliche Landwirtschaft, die Lebensmittelanbau und Tierhaltung vereint, Arbeitsplätze schafft und Einkommen generiert, die Landwirt*innen ein würdiges Leben ermöglichen.
In Anbetracht der hervorgehobenen Aspekte hat das Komitee von Uniterre die Stimmfreigabe beschlossen. Das Gewicht der angesprochenen Themen ist uns bewusst, doch wir haben Vorbehalte in Bezug auf die Herangehensweise und die in so kurzer Frist unrealisierbaren Ziele der Initiative.




