Gianna, du hast neu die Koordination der Uniterre-Zeitung übernommen. Kannst du dich kurz vorstellen?
Ich bin Doktorandin in Architektur, Aktivistin und Mutter eines 2-jährigen Kindes und lebe in einer Haus-mit-Gemüsegarten-Gemeinschaft in Lausanne. In den letzten Jahren habe ich als Gründungsmitglied mehrere Projekte mit aufgebaut, darunter die queerfeministische Gruppe draglab, die Lehrkollektive drag(ue) und (un)studio am Architekturinstitut der EPFL sowie die Genossenschaft Koopernikus, die Akteur*innen entlang der gesamten Lebensmittelkette verbindet. Zudem bin ich seit der Gründung der Coalition Terre in der politischen Arbeitsgruppe aktiv. Aufgewachsen bin ich die ersten zehn Jahre auf einem kollektiv geführten Biohof in der Deutschschweiz. Später mitbegründeten meine Eltern den Biolebensmittel Grosshandel Pico Bio AG und das Restaurant les halles in Zürich, in denen ich mitarbeitete. Seit meinem Studienabschluss in Architektur habe ich einige kleinere Bauprojekte als selbstständige Architektin umgesetzt und Architekturstudierende unterrichtet an der ETH und EPFL. Gleichzeitig suchte ich einen Weg, meine Interessen an landwirtschaftlichen Fragen aus räumlicher Perspektive zu vertiefen. Dank meiner Zweisprachigkeit war mir die Romandie sprachlich zugänglich, und 2021 begann ich an der EPFL ein Doktorat an der Fakultät für Architektur, Bau- und Umweltingenieurwissenschaften. Inhaltlich beschäftige ich mich in dieser Arbeit mit der Transformation agrarischer Räume in der Schweiz nach industriellen Leitbildern und den daraus entstehenden Brüchen und Widerständen von Menschen, Tieren, Pflanzen und Umwelt. Ausgangspunkt sind ethnographische Beobachtungen auf der vom Collectif Cambium geführten Ferme de Bassenges (Écublens, Vaud), aus denen sich Fragestellungen ergeben, die ich anschliessend historisch aufarbeite und reflektiere.
Warum hast du dich bei Uniterre beworben?
Weil Uniterre konkrete politische Arbeit mit direkter Aktion verbindet und als unabhängige Organisation von Bäuer*innen, die sich für Bäuer*innen stark machen, getragen wird. Weil der Einsatz für eine kleinstrukturierte bäuerliche Landwirtschaft und die Forderung nach einer angemessenen Vergütung für die geleistete Arbeit kein ausschliessendes, sondern ein verbindendes Anliegen ist, in dem sich Selbstbewirtschafter*innen ebenso wiederfinden wie Lohnarbeiter*innen. Mich faszinieren die Verbindungen, die Uniterre seit ihrer Gründung zwischen Produzent*innen und Konsument*innen schafft. Heute gibt es mehrere solche Initiativen, doch meines Wissens hat keine in der Deutschschweiz eine vergleichbare Geschichte.
Welches sind die Projekte oder Kämpfe, die dir am meisten am Herzen liegen?
Jeden Bauernhof, ob von Familie, Einzelpersonen oder Kollektiven geführt, und jedes landwirtschaftliche Projekt zu erhalten und die Gründung weiterer zu unterstützen. In den kommenden Jahren steht auf über einem Drittel der Schweizer Betriebe ein Generationswechsel an. Deshalb braucht es politische Arbeit auf Gemeindeebene, um Zugangsbedingungen zu öffentlichem Land zu formulieren, sowie in den Landwirtschaftskammern, wo die Vergrösserung bestehender Betriebe meist Vorrang hat. Genau daran arbeitet die Coalition Terre.
Wie schätzt du die Situation der Bäuer*innen ein?
Ich schätze die Situation für die einzelne Bäuer*in als sehr schwierig ein, aber ich glaube fest daran, dass pragmatische Ansätze Widerstand leisten können: das eigene Wachstum begrenzen, um anderen Zugang zu Land zu ermöglichen; auf biologische/biodynamische/agrarökologische Landwirtschaft umzustellen; Transformation auf Höfen oder in kollektiven Strukturen aufbauen; regionale Schlachthöfe genossenschaftlich erhalten; Direktvermarktung etc. Vieles davon wurde inzwischen vereinnahmt und mit grossmassstäblicher Landwirtschaft kompatibel gemacht (z.B. Bio). Dennoch bleiben es Wege wie sich Bäuer*innen eine gewisse Autonomie durch gemeinsame Solidarität erkämpfen können, sie verlangen jedoch viel zusätzliche Arbeit und Ausdauer.
Wenn du einen Zauberstab hättest, was wäre dein erster Wunsch, den du aussprechen würdest?
Als erster Wunsch, möglichst viele Uniterre-Mitglieder kennenlernen zu dürfen, ob Hof, Organisation oder Einzelpersonen. Alle weiteren Wünsche ergeben sich durch die Diskussionen und sind dadurch sicher politischer und «welt»-bewegender.



