Dienstag, 17 Oktober 2017
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Presseerklärung Uniterre

Ende Juni 2017 haben einige Mitglieder der Branchenorganisation Milch dem Druck der Bauernorganisationen nachgegeben und angesichts der steigenden Preise auf dem Weltmarkt den Produzentenpreis um einige Rappen erhöht. Auch Coop hat sich verpflichtet, über ihren Zulieferer Emmi ab dem 1. Juli 2017 im A-Segment pro Kilo 3 Rappen mehr zu bezahlen.

Am Dienstag, dem 10. Oktober kündigte Coop an, dass diese Preiserhöhung auf die Konsumentenpreise übertragen wird. So kostet der Liter UHT-Milch neu 5 Rp mehr, dasselbe gilt für den halben Liter. Auch andere Milchprodukte werden teurer, insbesondere die Butter: das Stück zu 250 g steigt von 2.85 Fr. auf 2.95 Fr. an. Wie immer, in solchen Situationen, wird der Konsumentenpreis stärker erhöht, als die Produzentenpreise! Die Marge der Verteiler wird kaum wahrnehmbar grösser, doch angesichts der Gesamtmilchmenge sind auch so kleine Beträge von Bedeutung.

Am Schlimmsten sind jedoch die Lügen des orangen Riesen: Coop behauptet, den Bäuerinnen und Bauern einen fairen Preis zu bezahlen. Doch mit 3 Rp. mehr verändert sich die Lage der Produzenten nicht enorm. Natürlich ist jede Preiserhöhung positiv zu werten, aber der Preis, den die Produzenten von Coop seit Juli erhalten (und die Produzenten einiger anderer Verarbeiter seit dem 1. Oktober, da auch der Richtpreis der BO Milch inzwischen um 3 Rp. erhöht wurde), ist von Fairness weit entfernt. Mit Stundenlöhnen, die in den meisten Fällen unter 10 Fr. pro Stunde liegen, kann nicht gesagt werden, dass die Bäuerinnen und Bauern faire Preise erhalten.

Es stimmt, dass der Milchmarkt stark von den europäischen und internationalen Märkten mitbestimmt wird und die Bäuerinnen und Bauern somit einer starken, ausländischen Konkurrenz ausgesetzt sind, dennoch bleibt die Marge der Verteiler typisch helvetisch.

Uniterre

Lausanne, 12. Oktober 2017




Sonntag, 15 Oktober 2017
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Presseerklärung Uniterre und Allianz für Ernährungssouveränität.

Die internationale Bauernbewegung « La Via Campesina » hat den 16. Oktober gewählt, das Konzept der Ernährungssouveränität bekannter zu machen. Es ist nur natürlich, dass wir uns dem diesjährigen Aufruf anschliessen für den Schutz des Lebens, des Landes und der Regionen. Unsere Volksinitiative greift diese essenziellen Punkte auf.

Das Land: ein wertvolles und schützenswertes Gut

Der Boden ist die Arbeitsgrundlage der Bauernfamilien; ein lebendiges Element, dessen Reichtum und Fruchtbarkeit wir unbedingt erhalten müssen. Fruchtfolgeflächen sind die Böden, die wegen ihrer Lage, Tiefgründigkeit, Struktur und Wasserspeichervermögen über längere Zeit hohe Erträge liefern könnten ohne Schaden zu nehmen. Sie geniessen einen speziellen Schutz: jeder Kanton muss eine bestimmte Quote dieses Kulturlandes, das Anfang der 90‑er Jahre bestimmt wurde, erhalten. Doch die Reserven, die damals zurückgestellt wurden, sind bald erschöpft. Bei der Interessenabwägung wird der Notwendigkeit, Land für die Produktion von Lebensmitteln zu erhalten, oft weniger Gewicht gegeben als dem Bedarf an Wohnungen, Strasseninfrastruktur oder wirtschaftlicher Entwicklung. Und dennoch, wollen wir auch nur die Hälfte unserer Lebensmittel selber erzeugen, müssen wir sparen, nicht verschwenden. Wir könnten: Städte nach Innen bauen und intelligent verdichten anstatt immer weiter auszudehnen, weniger invasive Transportmittel finden, das grenzenlose Wachstum gewisser Regionen in Frage stellen. Jede Person muss sich bewusst sein, dass Land ein wertvolles Gut ist, das uns geliehen wurde bevor es an die kommenden Generationen übergeht.

Eine lebendige Region: mehr Hände, mehr Herz und mehr Köpfchen für jede Hektare

Wir bekräftigen unsere Überzeugung, dass es im primären Sektor mehr Mitarbeiter braucht, um den Erwartungen der Bevölkerung gerecht zu werden. Unsere Initiative will eine tiefe Veränderung anstossen. Seit 1990 sind 40 % der Bauernhöfe verschwunden und 100 000 Arbeitsstellen verloren; das ist menschlich nicht mehr tragbar. Auch wenn die Technik den Stellenverlust teilweise wettmachen kann hat diese Entwicklung gravierende Konsequenzen: stärkere Verschuldung, nicht übernehmbare Strukturen (die nötigen Investitionen sind zu gross), Verlust an sozialen Beziehungen. Unsere Initiative will, dass die Wertschöpfung zwischen allen Akteuren der Lebensmittelkette gerecht verteilt wird. Wenn das erste Glied der Kette, also die Bauernfamilien und ihre Angestellten, ein gerechtes Einkommen haben, können sie auch wieder Arbeitsstellen schaffen und auf Menschen, statt auf Hektaren, setzen.

Es gibt heute nicht nur eine Landwirtschaft, sondern verschiedene Landwirtschaften. Neue Formen der Zusammenarbeit sowie die unterschiedlichen Strukturen (klein, mittel, gross, bio, konventionell) sollten gefördert, nicht gebremst, werden. Dies ermöglicht einer neuen Generation den Einstieg in die Landwirtschaft. Ein Wirtschaftssektor, welcher die Nachfolge nicht fördert und sich nicht an die neuen Gegebenheiten anpasst, stirbt!

Hand in Hand für einen dynamischen ländlichen Raum

Wir rufen dazu auf, den direkten Handel zwischen Bäuerinnen, Bauern, Konsumentinnen und Konsumenten, sowie die Verarbeitung in den Regionen zu fördern. Die kleinen Betriebe, welche landwirtschaftliche Erzeugnisse verarbeiten (Mühlen, Ölmühlen, Schlachthäuser, Metzgereien, Molkereien, Käsereien usw.), sind wichtige Akteure für die regionale Wertschöpfung. Wenn ihre Präsenz im landwirtschaftlichen Raum gestärkt wird, führt dies nicht nur zu einer besseren Rückverfolgbarkeit, sondern auch zur Schaffung von Arbeitsstellen in einem Wirtschaftssektor, der bereits allzu stark zentralisiert und umstrukturiert wurde.

Wir sind überzeugt, dass der Aufbau regionaler Wirtschaftskreisläufe die Innovation vorantreibt; ein wünschenswerter Impuls für unsere Bevölkerung, welcher die Herkunft der Lebensmittel, ihre Produktionsart sowie die damit zusammenhängenden Konsequenzen für Mensch, Tier und Umwelt am Herzen liegt.


Ausschnitt aus der Volksinitiative: « Für Ernährungssouveränität. Die Landwirtschaft betrifft uns alle. »

Absatz 3

Der Bund trifft wirksame Massnahmen mit dem Ziel:

a. die Erhöhung der Zahl der in der Landwirtschaft tätigen Personen und die Strukturvielfalt zu fördern;

b. die Kulturflächen, namentlich die Fruchtfolgeflächen, zu erhalten, und zwar sowohl in Bezug auf ihren Umfang als auch auf ihre Qualität;

Absatz 5

Der Bund nimmt namentlich folgende Aufgaben wahr:

c. Er stärkt den direkten Handel zwischen den Bäuerinnen und Bauern und den Konsumentinnen und Konsumenten sowie die regionalen Verarbeitungs-, Lagerungs- und Vermarktungsstrukturen.

http://www.souverainete-alimentaire.ch/in/de/





Mittwoch, 11 Oktober 2017
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Wegen Palmölplantagen werden Regenwälder abgebrannt, Menschen vertrieben, ihre Felder vernichtet und sie verlieren ihre Lebensgrundlagen.

Palmölplantagen verletzen Menschenrechte und zerstören die Umwelt!

Du kannst etwas dagegen tun: Sag den Schweizer Grossverteilern, dass du weniger Produkte mit Palmöl in den Läden möchtest.

Unterschreibe jetzt den Aufruf!


Samstag, 23 September 2017
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Die Entdeckung von Antibiotika gehört zu den wichtigsten Errungenschaften der Medizin. Dank ihnen können Krankheiten geheilt werden, die früher tödlich verlaufen wären. Wo Antibiotika eingesetzt werden, entstehen jedoch auch Resistenzen. Das gilt für die Human- wie auch für die Tiermedizin. StAR, die nationale Strategie Antibiotikaresistenzen hat Anfang 2016 mit der Umsetzung begonnen.

Bakterien, welche die Eigenschaft entwickeln, eine Antibiotikabehandlung zu überleben, sind im Vorteil und können sich vermehren, während andere absterben. Durch diese Selektion entstehen immer mehr Bakterien, die resistent sind. Antibiotika werden in verschiedene Klassen eingeteilt, welche unterschiedliche Wirkungsmechanismen haben, wo eines nicht mehr wirkt, kann vielleicht noch ein anderes eingesetzt werden. Jedoch wurden seit 30 Jahren keine neuen Klassen mehr gefunden. Insofern ist es umso wichtiger, die Wirksamkeit der vorhandenen Medikamente nicht aufs Spiel zu setzen. Besonders die neuesten Antibiotika, gegen die noch wenige Resistenzen vorhanden sind, müssen sehr restriktiv eingesetzt werden, damit ihre Wirksamkeit nicht verloren geht (sogenannte Reserve-Antibiotika). Der übermässige und teils unsachgemässe Einsatz von Antibiotika hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten dazu geführt, dass Bakterienstämme entstehen konnten, gegen die nur noch wenige oder gar keine Antibiotika mehr wirksam sind.

Jährlich sterben in Europa schätzungsweise 25‘000 Menschen an Infektionen mit resistenten Bakterien. Vor diesem Hintergrund hat der Bundesrat in Zusammenarbeit mit Bundesämtern die sogenannte Nationale Strategie gegen Antibiotikaresistenzen (StAR) erarbeiten lassen, mit dem Motto, die Wirksamkeit von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin zu erhalten. Die Strategie folgt dem One-Health Ansatz, nach dem Gesundheit von Mensch und Tier sowie die Umwelt eng miteinander verbunden sind und nur ein bereichsübergreifendes Vorgehen zum Erfolg führen kann.

Die Massnahmen der Strategie sind in acht Hauptthemen eingeteilt:

  • Überwachung: Der Vertrieb und Einsatz von Antibiotika sowie die das Vorkommen von Resistenzen wird überwacht. Diese Daten schaffen eine Grundlage zur Überprüfung der getroffenen Massnahmen.
  • Prävention: Wo keine Antibiotika eingesetzt werden, entstehen auch keine Resistenzen. Dieser Punkt zielt auf die Vermeidung von Infektionskrankheiten durch Hygiene und gutes Management in der Humanmedizin, Hygiene und verbesserte Bedingungen in der Tierhaltung und die Entwicklung wirksamer Alternativen, wie zum Beispiel Impfungen, zum Antibiotikaeinsatz.
  • Sachgemässer Antibiotikaeinsatz: Der Antibiotikaeinsatz wird sich nicht ganz vermeiden lassen. Muss ein Antibiotika eingesetzt werden, muss das gemäss aktuellem Wissensstand am besten geeignete Medikament eingesetzt werden. Die wichtigen Antibiotika dürfen nur unter strengen Einschränkungen eingesetzt werden, um ihre Wirksamkeit zu bewahren.
  • Resistenzbekämpfung: Trotzdem auftretende Resistenzen sollen möglichst effizient bekämpft werden.
  • Forschung und Entwickung Wie Resistenzen entstehen und übertragen werden ist nicht vollständig erforscht. Die Forschung und Entwicklung in diesem Bereich sowie in der Erforschung von möglichen neuen Antibiotika und besseren Diagnosemethoden wird gefördert.
  • Kooperation Die Zusammenarbeit auf politischer, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene sowie zwischen den beteiligten Bereichen Humanmedizin, Tiermedizin, Langwirtschaft und Umwelt wird gemäss dem One-Health Ansatz gefördert.
  • Information und Bildung Der Informationsstand über Antibiotikaresistenzen und deren Vermeidung soll bei Fachpersonen und der Bevölkerung verbessert werden.
  • Rahmenbedingungen Es sollen keine Marktmechanismen oder Anreize bestehen, welche der Strategie entgegenlaufen.1

Für Produzenten und Produzentinnen spürbare Folgen waren zum Beispiel das Verbot der Abgabe von Antibiotika zur Prophylaxe (Euterschutz) oder von Reserveantibiotika auf Vorrat. Auch wenn nicht immer nur einfach um zu setzen, sind diese Massnahmen längerfristig wichtig. Weiter laufen Forschungsprojekte, welche zeigen werden, dass durch verbesserte Haltungsbedingungen und Prohylaxemassnahmen eine Reduktion des Antibiotikakonsums erreicht werden kann. Auch wenn dies dem einen oder der anderen schon jetzt sehr logisch erscheinen mag, sind diese Arbeiten wichtig, da sie eine handfeste Argumentationsgrundlage für eine Verbesserung der Tierhaltungsbedingungen liefern. So gut das Programm der StAR auf dem Papier tönt, müssen wir doch aufmerksam bleiben. Gerade im Bereich der Marktanreize gibt es noch viel Luft nach oben. In den letzen Jahren sind einfache, ältere Antibiotika vom Markt verschwunden, da deren Zulassung ausgelaufen war und die Pharmafirmen den finanziellen Aufwand einer neuen Zulassung nicht auf sich nehmen. Im Gegenzug dazu erscheinen Arztneimittel auf dem Markt, die ReserveAntibiotika enthalten und attraktiv vermarktet werden. Diese Entwicklung trägt einzig der Gewinnsteigerung der Firmen bei und läuft eindeutig dem Konzept eines umsichtigen Antibiotikaeinsatzes zuwider. Wenn es einfacher ist, ReserveAntibiotika einzusetzen, als andere, wird das sicher auch eher so gemacht.

Weiter gibt auch bei den Prophylaxemassnahmen verschiedene Ansätze. Den Antibiotika Verbrauch wie schon erwähnt über die Verbesserung der Tiergesundheit zu senken ist die schöne Variante. Gleichzeitig gibt es auch Vorbilder aus nördlichen Ländern, wo vor allem die Keimeinschleppung reduziert werden soll. Was eine noch stärkere Industrialisierung der Tierproduktion und Abschottung der Bestände von der Aussenwelt bedeutet, wie wir sie in der Schweiz im Ansatz in der Schweinemast schon kennen. Eine Entwicklung in diese Richtung mag vielleicht im Bezug auf die Resistenzproblematik Sinn machen, bringt aber sicher keine Verbesserung punkto Tierwohl.

Der umfassende Ansatz der StAR ist essentiell und wiederspiegelt auch die Erkenntnis, dass die Resistenzproblematik nicht den ProduzentInnen und Tierärztinnen alleine in die Schuhe geschoben werden kann. Eine Tierproduktion, welche so intensiviert ist, dass sie ohne Antibiotikaeinsatz nicht mehr funktioniert, wie auch der unvorsichtige Einsatz von wichtigen Antibiotika in der Humanmedizin, sind gleichermassen Probleme, welche von der ganzen Bevölkerung verursacht werden und auch als solche angegangen werden müssen. Wichtig ist nun, dass auch im Zuge der Umsetzung weiter gegangen wird, als nur denen auf die Finger zu hauen, welche Antibiotika einsetzen. Pharmafirmen und Grossverteiler müssen ebenso in die Pflicht genommen werden. Wenn es Richtlinien zum Einsatz von wichtigen Antibiotika gibt, sollte es auch welche zur Produktion und zur Bewerbung dieser Medikamente geben.

Lara Moser, ist Mitglied von Uniterre und arbeitet als Klinikassistentin
am Departement für klinische Veterinärmedizin an der Wieder-käuerklinik der Universität Bern.




1: https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/mt/s...


Montag, 18 September 2017

Wenn Sie in den letzten Wochen auch nur eine einzige Zeitung aufgeschlagen haben, konnten Sie es zweifellos nicht vermeiden. Das Wort «fair» ist überall. Und ganz besonders im Diskurs der grossen Unternehmen, die sich in ein positives Licht rücken wollen.

Wir alle kennen den fairen Handel durch die Weltläden oder Max Havelaar, welche den produzierenden Bauern überall auf der Welt anständige Arbeitsbedingungen schaffen wollen. Es hat aber viele Jahre gedauert, bis Stimmen laut wurden, um aufzuzeigen, dass auch die Schweizer Landwirtschaft etwas mehr Fairness brauchen könnte. Und eigentlich braucht es ja nicht viel, um zu erkennen, dass dies ein hervorragendes Werbeargument ist. Zwei kleine Schlaumeier haben das sehr schnell erkannt und ohne grossen Aufwand zu ihrem Nutzen verwendet.

Die Migros zuerst. In einem Interview steht Folgendes zu lesen: «Das gesamte Milchsortiment kann als «fair» bezeichnet werden, denn die Produzenten erhalten die höchsten Preise der Schweiz». Na gut. Nichtsdestotrotz eine komische Folgerung. Wenn jemand einen bessern Preis bezahlt, bedeutet das noch lange nicht, dass der Preis korrekt ist. Davon sind wir noch weit entfernt.

Auf zweiter Stelle steht der kleine Aldi, der seitens der Bauern auf einer Sympathiewelle surft und gemeinsam mit Cremo eine faire Milch herstellt. Als sich herausstellte, was sich hinter diesem neuen Label versteckt, tat man gut daran, sich hinzusetzen. Erstens eine zusätzliche Anforderung an die Bauern: das RAUS-Programm ist obligatorisch und wird verdoppelt, mit 26 Tagen Auslauf pro Monat. Das geht in Ordnung, wenn der Produzent einen Laufstall hat. Wenn er hingegen keine Möglichkeit hatte, einen modernen Stall zu bauen, muss er von nun an jeden Samstag seine Kühe hinauslassen, sonst schafft er die obligatorische Menge nicht. Danke Aldi, dass sich die Bauern wenigstens am Sonntag ausruhen dürfen… Aber man darf jetzt nicht denken, das geschehe um der guten Sache willen! Zwar wurden die Produzentenpreise um rund 20 Rappen erhöht, aber die Konsumenten müssen bis zu 35 Rappen mehr bezahlen, um diese Milch zu kaufen. So geht das: etwas mehr verdienen und gleichzeitig etwas fürs Gewissen tun. Wobei Aldi bestimmt erklären würde, das sei fürs Marketing und die zusätzlichen Kosten...

Wir dürfen uns ganz legitim fragen, wer in dieser Geschichte am meisten betrogen wird? Der Bauer, der mehr arbeitet, um 20 Rappen mehr zu verdienen, auch wenn der Verdienst schlussendlich sowieso bei weitem nicht ausreicht, um von der Milchproduktion zu leben? Oder der Konsument, den man im Glauben lässt, etwas Gutes zu tun, während er doch vor allem etwas für die Detailhändler tut, die sich ja nun wirklich nicht beklagen können?

Wir von Uniterre denken, dass Migros und Aldi einen Nachhilfekurs in englischer Sprache nötig haben. Gemäss Duden bedeutet « Fairness »: anständiges Verhalten; gerechte, ehrliche Haltung andern gegenüber. Diese Qualität geht den beiden Sortimenten vollständig ab. Wissen Sie, Fairness muss man verdienen. Die Bauern haben ihren Teil des Vertrages erfüllt. Jetzt, liebe Detailhändler, sind Sie an der Reihe!

Vanessa Renfer


Montag, 18 September 2017
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Uniterre steht für die bäuerliche Landwirtschaft ein. Aber was heisst das genau?

Bäuerliche Landwirtschaft ist ein Zukunftsmodell, das wir vertreten, weil die stetige Industrialisierung die Landwirtschaft in eine Sackgasse führt. Für die einen ist bäuerliche Landwirtschaft gleichbedeutend mit kleinen Strukturen, das betont zum Beispiel der Bundesrat in seiner Botschaft zur Initiative für Ernährungssouveränität mehrmals. Doch die Grösse eines Bauernhofes an sich ist kein massgebendes Kriterium bei der Definition von bäuerlicher Landwirtschaft. In der gleichen Botschaft schlägt der Bundesrat folgende Definition vor: Der Begriff «bäuerlich» bedeutet, dass der Landwirt oder die Landwirtin und dessen oder deren Familie einen wesentlichen Teil der erforderlichen Arbeiten selbst ausführen. Diese Definition ist jedoch unvollständig. Die Initiative für Ernährungssouveränität schlägt vor, folgendes in der Verfassung zu schreiben: «einheimische, bäuerliche Landwirtschaft, die einträglich und vielfältig ist». Diese Formulierung beinhaltet eine lokale Verankerung, eine gewisse Autonomie der Landwirtschaft, eine Kreislaufwirtschaft sowie den Erhalt eines Teils der Wertschöpfung in den ersten Stufen der Produktionskette.

Bauernvereine in Frankreich

Die FADEAR (Fédération des Associations pour le Développement de l’Emploi Agricole et Rural) wurde 1984 gegründet. Sie vereint viele Bäuerinnen und Bauern, die bereits in der Confédération Paysanne sind, sowie andere Akteure der ländlichen Gesellschaft, mit dem Ziel, ihre Erfahrungen und ihr Know How zu teilen und so den Erhalt der Bauernhöfe und die Niederlassung neuer Bäuerinnen und Bauern sicherzustellen. Ausserdem soll der Verein die Werte der bäuerlichen Landwirtschaft erhalten und aufleben lassen.

Die Charta der bäuerlichen Landwirtschaft

1998 hat die FADEAR die Charta der bäuerlichen Landwirtschaft fertiggestellt. Sie wurde über mehrere Jahre hinweg von vielen Bäuerinnen, Bauern und Wissenschaftlern ausgearbeitet. Ihr Modell der Landwirtschaft soll es möglichst vielen Bäuerinnen und Bauern ermöglichen, anständig von ihrem Beruf zu leben. Sie sollen nachhaltig produzieren, um die Bevölkerung zu ernähren, nicht nur, um etwas produziert zu haben. Die bäuerliche Landwirtschaft orientiert sich an 6 Bereichen, die sich gegenseitig bedingen: Autonomie, Verteilung, Arbeit mit der Natur, regionale Entwicklung, Qualität und Übertragbarkeit.

  • Verteilung der Produktionsmengen, damit der Bauernberuf möglichst vielen offensteht und sie auch davon leben können.
  • Solidarität mit Bäuerinnen und Bauern aus anderen Regionen Europas und der Welt.
  • Umweltschutz mit dem Grundsatz: «Wir haben das Land nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern ausgeliehen».
  • Aufwertung der unerschöpflichen Ressourcen, Sparsamkeit mit den seltenen Ressourcen.
  • Bestreben um Transparenz bei Kauf, Produktion, Verarbeitung und Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten.
  • Garantie der geschmacklichen Qualität und der Lebensmittelsicherheit.
  • Bestreben um eine maximale Autonomie in der Funktionsweise von landwirtschaftlichen Betrieben.
  • Aufbau von Partnerschaften mit anderen Akteuren der ländlichen Gesellschaft.
  • Erhalt der Diversität von Nutztieren und Kulturpflanzen.
  • Langfristiges und ganzheitliches Denken.

Diagnose bäuerliche Landwirtschaft

Die FADEAR stellt ausserdem ein Analyseinstrument zur Verfügung, mit dem festgestellt werden kann, wo sich ein Bauernbetrieb in Bezug auf die bäuerliche Landwirtschaft befindet. Die Betriebe werden anhand von sechs bereichsübergreifenden Themen analysiert:

  • Die Autonomie anhand von drei Kriterien: Entscheidungsautonomie, wirtschaftliche und finanzielle Autonomie sowie technische Autonomie.
  • Die Verteilung der Produktionsvolumen. Das Projekt für bäuerliche Landwirtschaft verwaltet Produktionsrechte entsprechend der Nachfrage, damit möglichst viele Produzenten einen bestimmten Markt bedienen können.
  • Die Arbeit mit der Natur. In diesem Themenbereich wurden fünf Kriterien bestimmt: 1) Biodiversität und Fruchtfolgen mit Pflanzenarten, deren Eigenschaften spezifisch und deren Anforderungen an die agronomische Techniken verschieden sind. 2) Den Erhalt der Fruchtbarkeit durch Anbau- und Zuchtmethoden, welche die Fruchtbarkeit erhalten oder verbessern. 3) Eine auf das Notwendige beschränkte Verwaltung von Pflanzenschutzmitteln und Medikamenten; sinnvoll, nicht systematisch. 4) Der Schutz von Wasservorkommen sowohl bei der Mengenverwaltung, der Entnahme für die Bewässerung sowie des Qualitätserhalts. 5) Eine achtsame Raumplanung und die Vorbeugung von Umweltverschmutzung, um Naturräume und ländliche Strukturen zu erhalten.
  • Die Übertragbarkeit illustriert grundsätzlich die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Landwirtschaft. Ein übertragbarer Bauernhof ist ein Hof, der von einer neuen Generation übernommen werden kann, er ermöglicht ein Einkommen und somit das Fortbestehen von zahlreichen Bäuerinnen und Bauern auf dem ganzen Gebiet. Die Übertragbarkeit von Bauernbetrieben ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Erwartungen der Bevölkerung in Sachen Arbeitsmarkt, Qualität der Produkte und Dynamik der ländlichen Gesellschaft zu erfüllen. Folgende Aspekte müssen berücksichtigt werden, um die Übertragbarkeit zu erleichtern: die Lebensqualität, die Rechtssicherheit beim Grundeigentum, die Anpassungsfähigkeit, die Rentabilität und der Wert des zu übertragenden Arbeitsmittels.
  • Die Qualität der Produkte. Die Qualität der Produkte ist vielfältig und findet sich in verschiedenen Bereichen: Lebensmittelsicherheit, chemische Zusammensetzung, Nährwert und geschmackliche Qualität. Einige der bakteriologischen Normen sind absurd oder übertrieben, auf jeden Fall nicht für die bäuerliche Landwirtschaft geeignet. Die Abwesenheit von Schadstoffen und GVO. Gentechnisch veränderte Organismen ermöglichen keine Autonomie, sie respektieren die Natur nicht und ihre Unschädlichkeit für die Endverbraucher ist nicht abschliessend bewiesen. Die Qualität der Produkte muss auf allen Ebenen anerkannt und erkennbar sein, von der Produktionsart über die Anerkennung der Produzenten und ihre Entschädigung bis hin zu ihrer persönlichen Zufriedenheit. Sie beinhaltet ausserdem den Respekt der Konsumentinnen und Konsumenten über die Transparenz aller Produktionsstufen. Transparenz bedeutet, dass es möglich ist, alle Orte der Produktion, der Verarbeitung und der Vermarktung zugänglich zu machen, entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Transparenz ist mehr als Zertifizierung oder Rückverfolgbarkeit.
  • Die regionale und dynamische Entwicklung der ländlichen Gebiete: die Beteiligung der Bäuerinnen und Bauern am regionalen Leben ist eine Garantie für die regionale Dynamik. Partnerschaften bei der Produktion und der Vermarktung tragen viel zur Solidarität zwischen den unterschiedlichen Berufsklassen und Gesellschaftsschichten bei. Sie ermöglichen den Erhalt der Wertschöpfung in den Regionen. Bauernhöfe sind von Natur aus Orte der Gastfreundschaft, der Integration und des gesellschaftlichen Gleichgewichts. Die bäuerliche Geschichte und Kultur begründen die Entwicklung und die Aufwertung des ländlichen Gebiets. Landwirtschaft ist zwar nicht mehr die einzige Aktivität im ländlichen Gebiet, dennoch bleibt sie dessen treibende Kraft. Das Verschwinden von 30 000 bis 40 000 Stellen pro Jahr in der Landwirtschaft läuft dem Hauptanliegen der Gesellschaft zuwider: den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Der Beitrag an die Schaffung von Arbeitsplätzen läuft auch über den Erhalt bestehender Stellen, indem die Produktionsvolumen verteilt werden.

Die Autonomie, die Verteilung und die Arbeit mit der Natur zählen jeweils 20 %, die Qualität der Produkte, die regionale Entwicklung und die Übertragbarkeit jeweils 13 %. Mit diesen qualitativ und quantitativ messbaren Indikatoren können Produktionssysteme auf ihre Übereinstimmung mit dem Konzept der bäuerlichen Landwirtschaft hin untersucht werden. Ziel dieser Beurteilung ist, individuelle und kollektive Mittel und Wege für die Entwicklung zu finden, um eine Landwirtschaft im Interesse der Bevölkerung aufzubauen.

Rudi Berli




Die komplette Charta für bäuerliche Landwirtschaft (auf Französisch)
finden Sie unten: www.agriculturepaysanne.org/files/charte-agricultu...



Montag, 18 September 2017
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«Wir ernähren unsere Völker und bilden gemeinsam eine Bewegung, um die Welt zu verändern».

Ein unvergessliches Erlebnis...


Abgereist bin ich am Samstag, dem 15. Juli, mit meiner grossen Tasche. Die Reise führte nach Derio, das liegt in der Nähe von Bilbao im Baskenland, dem «Euskal Herria» in der Landessprache. Es war meine erste internationale Konferenz von La Via Campesina. Da ich «jung» bin und eine «Frau», habe ich am 16. und 17. Juli an der Versammlung für die Jungen teilgenommen und anschliessend über zwei Tage an der Versammlung der Frauen. Darauf folgten 5 Tage Konferenz!

Das sind insgesamt 9 Tage Konferenz und ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ich anschliessend total ausgebrannt war. Aber das war es wert! Ich habe beschlossen, Euch an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen, an meinen Emotionen und neuen Erfahrungen, aber auch an den Erklärungen und deren Inhalt. Mehr dazu später. Mein Kollege Joël, der auch mitgekommen ist, hat unten ebenfalls etwas dazu geschrieben. Alle Berichte findet Ihr ausserdem auf der Webseite von La Via Campesina.

Die Emotionen schlugen hoch in dieser Woche: manchmal in bewegten Freudentränen, weil wir gemeinsam für etwas kämpfen, das uns am Herzen liegt, ein kollektives Unbewusstes, weil wir feststellen, dass wir überall auf der Welt auf dieselben Probleme treffen und zu bewältigen suchen, weil wir alle zusammen «Aleerta» singen…; manchmal in Tränen der Trauer, wenn ein Bauer aus Lateinamerika über die blutige Unterdrückung spricht. Morde an militanten Bauern sind keine Seltenheit, ebenso wie Gefängnis, Drohungen usw. So wie bei dieser jungen Frau aus Südkorea, die an der Vollversammlung erzählte, wie ihr Vater von einem Polizist erschossen wurde, «nur» weil er an eine Demonstration ging. Sogar die Dolmetscher hatten Mühe, weiter zu übersetzen, weil wir alle von Trauer ergriffen wurden.

Mit den Freiwilligen zusammen waren gut und gerne 600 Personen aus über 70 Ländern. Stellt Euch das mal vor! Mir wird schwindelig, wenn ich nur daran denke. Die Konferenz haben wir am Sonntag erfolgreich abgeschlossen, mit einem Marsch durch Bilbao. Am Montag wurden Hofbesuche organisiert. Dann war der Moment des Abschieds gekommen… Mamma mia!, ich muss schon sagen, dass mir der Abschied nach den vielen schönen Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, nach der gemeinsamen Arbeit und der kollektiven Euphorie nicht leicht gefallen ist. Immer wieder wurde mir gesagt: «diese Treffen geben mir den Mut, heimzukehren und weiterzukämpfen». Worauf ich antwortete, dass ich, seit ich die Stelle bei Uniterre vor 6 Monaten angetreten bin, noch nicht dazu gekommen bin, den Mut zu verlieren. Aber auch ich gehe motiviert und voller Elan wieder nach Hause zurück! Das ist es auch, was ich von dieser Konferenz hauptsächlich behalte: die positive Energie, die Solidarität, die Offenheit und der Respekt zwischen allen, ungeachtet der Kultur, Männer, Frauen, Junge: die schöne Seite der Menschen.

Hier ein paar Auszüge aus der Schlussdeklaration der Konferenz, die mich besonders angesprochen haben: «Die bäuerliche Agrarökologie bildet die Grundlage unseres Vorschlages und unserer Vision von Ernährungssouveränität für alle Völker der Welt. Um diese zu erreichen, müssen wir für eine umfassende Agrarreform kämpfen und dafür, dass das Land den Ureinwohnern, Bäuerinnen und Bauern erhalten bleibt, für eine gesunde Ernährung mit regionalen Lebensmitteln.

Wir müssen nicht nur unsere lokalen Bauernmärkte fördern und entwickeln, sondern auch neue Beziehungen zwischen den ArbeiterInnen auf dem Land und in den Städten knüpfen, neue Verkaufskanäle erschliessen und neue Modelle für die menschlichen, wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen schaffen, welche auf Respekt, Solidarität und Ethik gründen. (…)

Es ist Zeit, eine geschwisterliche Welt aufzubauen, die auf der Solidarität zwischen den Völkern beruht.»

Berthe Darras


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Die Welt verändern! Der Slogan der 7. internationalen Konferenz von La Via Campesina liess keine Zweifel am Zweck unseres Treffens. Wir haben uns versammelt, um unsere Rechte zu verteidigen, wir kämpfen gegen die Angriffe des Agrobusiness und versuchen, zu überleben. Doch nebst dieser Widerstandsbewegung organisieren wir eine Veränderung, welche die ganze Welt und alle Menschen ergreifen wird.

Um diese Veränderung herbeizuführen, suchen wir Verbündete; wir versuchen, unsere Sorge um Ernährungssouveränität in alle Bereiche der Gesellschaft zu tragen, auch in die Bereiche, die keine Verbindung zur Landwirtschaft haben, um jene zu erreichen, die letztendlich betroffen sind: die Esserinnen und Esser. Diese Bevölkerungsgruppe kann die Welt ganz bestimmt verändern, denn sie bildet 100 % der Bevölkerung! Ausserdem ist es nicht allzu lange her, dass sie selbst oder ihre Eltern selber Bauern waren. Aufgrund einer fixen Idee haben sie geglaubt, das Leben in der Stadt sei einfacher, doch für jede Annehmlichkeit, die sie gewinnen, müssen sie zahlreiche Albträume auf sich nehmen; und sie werden gespalten, weil sie all diese Annehmlichkeiten und Albträume nur alleine erleben können. Um ab diesem Punkt wieder eine gemeinschaftliche Aktion aufzubauen, müssen wir die herkömmlichen Rollen von individuellen Produzenten und Konsumenten aufgeben, in denen wir uns verschanzt hatten, wir müssen lokale Allianzen bilden, gemeinsam mit städtischen Organisationen, Quartiervereinen oder Dorfgemeinschaften und zusammen unsere Ernährungssouveränität aufbauen.

In unseren stark verstädterten Regionen im Norden müssen wir also Wege finden, um das umzusetzen, was die englischsprachigen «von der Gemeinschaft unterstützte Landwirtschaft» nennen. Wenn wir noch einen Schritt weitergehen, verschwindet die Trennung von Konsumenten und Produzenten und es wird eine «von der Gemeinschaft organisierte Landwirtschaft» daraus. In vielen ländlichen Gebieten im Süden wird Ernährungssouveränität bereits umgesetzt, insbesondere in Indien und Lateinamerika, aber auch dort könnten diese Menschen keinen wirklichen Widerstand gegen die Industrialisierung der Erde und der Lebewesen leisten, wenn sie keine Allianzen mit der städtischen Bevölkerung schliessen würden.

Unsere Organisationen begleiten diesen Aufbau von unten und arbeiten daran, die Prinzipien der Ernährungssouveränität auf Gesetzesebene zu verankern. In Nepal wurde sie bereits in die Verfassung aufgenommen, nächstes Jahr könnte es in der Schweiz so weit sein. Es ist eine Mission von La Via Campesina, die Basisbewegungen mit ihrer Erfahrung zu unterstützen und beim Aufbau einer internationalen Bewegung zu helfen.

Parallel zu den nötigen Allianzen mit anderen Sektoren der Gesellschaft wächst La Via Campesina immer weiter und dehnt sich auf neue Gebiete aus. Immer wieder schliessen sich Bauernorganisationen an, die unsere Werte teilen: in Derio wurden Bauernorganisationen aus Palästina, Marokko und Tunesien begrüsst. Sie bilden neue Regionalzentren in Nordafrika und im nahen Osten und ergänzen somit die 9 strukturellen Regionen von La Via Campesina. Die Region Südost- und Südasien wurde um eine australische Organisation reicher. Für Europa waren mehrere Organisationen aus Osteuropa vor Ort, weil bei ihnen der Druck durch das Landgrabbing immer stärker wird. Für unsere Region bildet die Unterstützung dieser Bauernbewegungen eine Priorität; bislang waren die Länder aus Osteuropa kaum bei La Via Campesina vertreten.

Wir haben uns verpflichtet, uns nach der Rückkehr in unsere Regionen für die Ernährungssouveränität einzusetzen und gegen die liberale Politik zu kämpfen. Wir setzen uns für Bauernbewegungen ein, die sich von patriarchalen Strukturen lösen und unterstützen Jungbäuerinnen und Jungbauern; wir kämpfen gegen Landgrabbing, für bäuerliches Saatgut, gegen das Agrarbusiness und die Agrargifte; wir bilden neue, agrarökologische Landwirtschaftsmodelle, weil nur diese etwas gegen den Klimawandel ausrichten können; wir drücken unsere Solidarität mit den Völkern aus, die unterdrückt werden, indem wir, immer wenn es brenzlig wird, Vertreter aus unserer Organisation vor Ort schicken.

Joël Mutzenberg, Semences de Pays




http://viacampesina.org


Freitag, 15 September 2017
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Vanessa Welchen Bezug hast du zur Landwirtschaft, Michelle?

Michelle: Ich komme aus dem Wallis. Einige meiner Onkel waren Bauern, Winzer, Obstgärtner, Imker, Liebhaber der Eringer Kühe. Als Kind war ich oft auf dem Maiensäss oder bei meinem Paten.

Die Verbindung zur Landwirtschaft läuft auch über das Essen: Alpbutter, Weichkäse, Trockenfleisch, Spargeln, Aprikosen… Wir freuten uns jedes Jahr auf die Produkte, deren Herkunft wir kannten – es waren natürlich die besten der Welt!

Mein Bezug zur Landwirtschaft beschränkt sich nicht nur auf die Schweiz, weil ich lange für Fair Trade gearbeitet habe und dann, gemeinsam mit Bauernverbänden in Zentral- und Südamerika, für Max Havelaar. Ich habe vor Ort miterlebt, wie sich die Lage der Bäuerinnen und Bauern mit jedem neuen Freihandelsvertrag verschlechtert hat.


Michelle: Und du, Vanessa, wo bist Du aufgewachsen?

Vanessa Ich bin in einem Vorort von Lausanne zur Welt gekommen und habe dort bis 26 gewohnt. Ein vollendetes Stadtleben. Mein Vater ist viel zu früh von uns gegangen, er war Mechaniker, meine Mutter Kauffrau. Dennoch fühlte ich mich nur auf dem Land richtig wohl. Ein einziger Besuch auf dem Bauernhof reichte, um einen Entschluss zu treffen: eines Tages werde ich einen Bauern heiraten! Damals war ich 12. Es geschieht nicht alle Tage, dass ein Traum wahr wird.

Heute arbeite ich mit meinem Freund auf dem Bauernhof seiner Familie und ziehe unsere vier Kinder auf. Vor Kurzem haben wir die Milchproduktion aufgegeben und halten jetzt Mutterkühe. Ausserdem ziehen wir Küken auf und etwas Weinbau. Der Direktverkauf ist im Aufbau.

Daneben bin ich beim Bäuerinnen- und Landfrauenverband von Neuenburg im Vorstand und seit Jahresbeginn bin ich im Gemeinderat unseres Dorfes tätig.


Vanessa Wie hast Du Uniterre kennengelernt?

Michelle: Als ich noch bei Swissaid arbeitete, wurden mit allen NGOs der Romandie inklusive Uniterre mehrere Treffen zum Thema Landwirtschaft organisiert. Gérard Vuffray kam an diese Treffen. Uniterre wollte die NGOs ganz zu Recht für die Entwicklung der Schweizer Landwirtschaft sensibilisieren. Tatsächlich dachten die NGOs damals, dass in der Schweiz alles zum Besten stehe, wir sahen die Verbindungen nicht. Bei StopOGM lernte ich Fernand Cuche kennen und auch Gérard war wieder dabei. Bei Agridea habe ich dann mit Valentina zusammengearbeitet. Kurz und gut, ich kenne Uniterre nicht erst seit gestern!


Michelle: Warum engagierst Du dich für Uniterre? Und dein Talent zu Schreiben?

Vanessa Gute Frage! Als ich meinen Freund kennenlernte, erzählte er mir von den Blockaden vor der Migros-Zentrale Anfang der 2000er-Jahre und von seiner Gerichtsverhandlung, wo er eine symbolische Busse bezahlen musste. Dann kam der Milchstreik im 2009 und ich war sehr stolz, an dieser Bewegung teilzunehmen. Ich fühlte mich richtig gut, das waren meine Leute! Danach brauchte es einige Jahre Geduld bis die Kinder grösser waren, bevor ich mich richtig engagieren konnte. Heute entdecke ich ein aufregendes Tätigkeitsfeld, wo ich jeden Tag neue Menschen kontaktieren muss. Ich dachte nie, dass ich jemals so etwas sagen würde: Wenn man aus seiner Komfortzone hinaus muss, ist das sehr bereichernd.

Ganz allgemein habe ich mich immer für Politik interessiert, für Wahlen, für Bürgersinn. In der Schweiz haben wir ein System, das zwar langsam und höchst komplex ist, aber wir haben die Möglichkeit, unsere Ideale auszusprechen. Dieses Recht nicht zu nutzen, wäre eine Verschwendung. Obwohl, auch ich denke ab und zu, dass es einfacher wäre, mit geschlossenen Augen durchs Leben zu gehen.

Das Schreiben stammt noch aus meiner Matura mit Spezialfach Literatur (Latein-Englisch). Da entwickeln sich gewisse Kompetenzen ganz automatisch. Hinzu kommt, dass ich enorm viel lese. Ich verschlinge. Und wenn man das Schreiben mag, ist alles viel einfacher. Wenn man dann noch hört, das die eigenen Texte gefallen und den Erwartungen entsprechen, steigt auch die Motivation. Hingegen stelle ich fest, dass mich das Schreiben, speziell für Uniterre, auch sehr sichtbar macht. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.


Vanessa Warum hast Du dich bei Uniterre beworben?

Michelle: Während meiner 15 Jahre bei Agridea habe ich festgestellt, wie unglaublich erfindungsreich und kreativ die Bauernfamilien sind, um sich zu diversifizieren, um ihren Bauernhof zu erhalten. Das bedingt enorm viel Arbeit und die Verschmelzung von verschiedenen Berufen: bauern, käsen, schlachten, verkaufen, buchhalten usw.

Und während all dieser Jahre habe ich die Arbeit von Uniterre mitverfolgt und hatte Kontakt zu Valentina und Nicolas. Ich bin der Meinung, dass Uniterre dank ihrer Unabhängigkeit in der Schweizer Landwirtschaft eine Schlüsselrolle spiel. Sie ist Vorreiterin und Pionierin, aufgeklärte und kompetente Kritikerin, verwurzelt und visionär zugleich. Ich habe oft gesagt, dass ich gerne bei Uniterre arbeiten würde!

Und jetzt denke ich, dass die Ernährungssouveränität ein enormes Potenzial hat, das Potenzial, eine wirklich breite Debatte über die Landwirtschaft von Morgen zu führen.


Michelle: Was wünschst Du dir für die Bauernfamilien?

Vanessa Dass all die kleinen Initiativen, die überall entstehen, genügend Gewicht erhalten, dass sie die Situation so vollständig verändern, dass das industrielle Modell der Land- und Ernährungswirtschaft obsolet wird. Und dass die Landwirtschaft den Stellwert einnimmt, welcher ihr in der Bedürfnispyramide zusteht.


Vanessa Was möchtest du erreichen?

Michelle: Ich will zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen dazu beitragen, dass Uniterre stärker wird. Das bedeutet, dass sie den Erwartungen der Mitglieder so gut wie nur eben möglich entspricht, dass sie junge Aktivistinnen und Aktivisten der Landwirtschaft und des Konsumentenschutzes anspricht. Ich möchte, dass Uniterre von ihren Mitgliedern getragen wird.


Michelle: Und du, was willst Du bei Uniterre umsetzen?

Vanessa Ich möchte den Funken wieder entfachen, der macht, dass die Bäuerinnen und Bauern für ihre Rechte kämpfen. Ich möchte so motivierend schreiben, dass sie sich sagen: «Schau her, ich will an diese Versammlung gehen, die haben gute Ideen!»


Vanessa Was ärgert dich an der Landwirtschaft am meisten?

Michelle: Dieser elende Pragmatismus ist eine permanente Frustration, dieses Denkschema «es ist halt so, das geht nicht anders». Diese Blindheit macht, dass Systeme erhalten bleiben, die seit Jahrzehnten marode sind und jeder nur noch um sein eigenes Überleben kämpft (wobei die Lage im Primärsektor am schlimmsten ist).

Ich ärgere mich über die Tatsache, dass der Rohstoff (die Grundlage der Ernährung und jeglichen Handels mit Agrargütern) nicht honoriert wird, heisst, dass die Preise nicht dem Wert entsprechen. Wie viele Stellen werden dank den Bäuerinnen und Bauern generiert (im vor- und nachgelagerten Sektor)?


Vanessa Und was magst du am liebsten?

Michelle: Die Annäherung zwischen Produzenten und Konsumenten. Die vielen Initiativen auf diesem Gebiet zeigen, dass es (auch) anders geht!


Michelle: Was sollte man zuerst ändern?

Vanessa Das Vertrauen der Bäuerinnen und Bauern in ihren eigenen Wert. Das vergessen wir vor lauter Arbeit, unbefriedigender Tätigkeiten und dem lächerlichen Lohn, den wir für unsere Arbeit erhalten. Dabei sollten wir die Könige sein, denn in unseren Händen befindet sich das Land, das Wissen und die Leidenschaft. Wenn wir uns dessen bewusst werden, öffnen sich alle Türen, die Schranken fallen und wir machen uns das System, das uns bisher total entgangen ist, wieder zu eigen.



Freitag, 25 August 2017
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In der kleinen Welt der Schweizer Milch war es in den letzten Monaten alles andere als langweilig. Ist das womöglich der frische Wind einer Änderung, der uns um die Nase bläst? Die Anzeichen des Marktes, insbesondere auf europäischer Ebene, machen Hoffnung, deshalb haben wir die Nachrichten mit viel Aufmerksamkeit verfolgt.


Am 24. März 2017 war das vierteljährliche Treffen der BO Milch. Wollten die Abnehmer endlich einen Schritt in die richtige Richtung machen und den Produzenten etwas mehr Geld fürs Portemonnaie geben? Aber nein! Wie schon viel zu oft in der Vergangenheit hat der ausbleibende Kompromiss um eine Erhörung des Richtpreises im A-Segment dazu geführt, dass alles beim Alten blieb. Wir waren enttäuscht und der Richtpreis blieb bei 65 Rp. pro Kilo.

Die Frustration der Bauern war voraussehbar. Die Reaktion einiger Mitglieder der Branchenorganisation seitens der Abnehmer war da schon eher erstaunlich und lenkten die Aufmerksamkeit aller auf die Migros und ihre Fabrik ELSA. Emmi war die erste, die Kritik äusserte: es sei doch nicht normal, dass Migros zwei Sitze erhalte (ein Sitz für die Migros, einer für ELSA, um genau zu sein). Coop, die sich mehrheitlich bei Emmi versorgt, liess keine Zeit verstreichen und doppelte nach. Die Migros habe verhindert, dass die gesamte Branche ab dem 1. Juli pro Kilo Milch 3 Rappen mehr bezahle. Im jahrelangen Duell zwischen den beiden orangen Riesen hat Coop mit ihrer Geste bestimmt ein positives Signal an die Branche gesendet, doch sie hat auch, geben wir es zu, einen geschickten Marketingcoup gelandet. Sie hat beschlossen, die ominösen 3 Rappen, welche die BO Milch abgelehnt hatte, in Eigeninitiative an ihre Produzenten zu bezahlen.

Diese Nachricht hat uns natürlich etwas ratlos gemacht. Coop ist kein direkter Abnehmer von Rohmilch – wie also kann sie sich absichern, dass ihr Geld tatsächlich bei den Produzenten ankommt? Auf unsere Anfrage haben sie geantwortet, dass sie gemeinsam mit ihren Lieferanten an einer Lösung arbeiten. Wir bleiben dran.

Währenddessen hat sich auch der Sturm bei Migros/ELSA nicht gelegt. Sowohl im bäuerlichen Milieu und unter den Konsumenten als auch auf politischer Ebene sind Stimmen laut geworden, die einen Boykott gegen die Migros fordern. Als offenbar ideale Schuldige hatte die Migros ihre Strafe verdient. Aber wir stellten uns die Frage, ob wir dieser Verurteilung folgen sollten. Auf den ersten Blick war die Antwort eindeutig, aber bei genauerem Hinsehen, ist mehr daran. Die Zahlen der SMP zeigen eine andere Wahrheit: Die Migros bezahlt pro Kilo Milch im Durchschnitt rund 5,7 Rp. mehr alle andere Abnehmer, das entspricht rund 10 %. Sie ist die Akteurin, welche dem Richtpreis der BO Milch am nächsten kommt – obwohl auch sie noch darunter liegt. Also ist die Kritik der anderen Akteure nur Augenwischerei und dient dazu, zu verstecken, dass sich niemand an die Spielregeln hält. Auch die Migros hat im Milchgeschäft keine weisse Weste, aber in diesem spezifischen Bereich ist die Kritik nicht begründet.

Anfang Juni hat der Schweizer Bauernverband eine Medienmitteilung mit einem Ultimatum für die Abnehmer veröffentlicht: Wenn der Richtpreis bis am 1. Juli nicht der internationalen Situation angepasst (also erhöht) werde, wolle der SBV Massnahmen ergreifen – ohne Details. Bis heute, dem 4. Juli, wurde offenbar noch nichts unternommen.

Der SBV hat Ende Frühling aber noch andere Massnahmen getroffen. Eine Arbeitsgruppe Milch sollte gegründet werden und Uniterre hat darauf gedrungen, mitzumachen. So sind Claude Demierre, Max Fragnière und Paul Ecoffey am 9. Juni nach Bern gefahren, in der Tasche eine Liste mit Forderungen und Vorschlägen: Auszahlung des Richtpreises, Erhöhung des Milchpreises in Verbindung mit den Produktionskosten, Aufhebung der Segmentierung, Überarbeitung der Statuten der BO Milch, weil immer nur die Abnehmer den Ton angeben. Sie sollten bitter enttäuscht werden: ausser ihnen waren nur drei Mitglieder des SBV anwesend und zur Verständigung war keine Übersetzungshilfe vorgesehen. Unsere Delegierten fühlten sich verarscht, sie hatten den Weg umsonst angetreten und wurden nicht mit der angemessenen Wertschätzung behandelt. Der SBV hat eine komische Art, seinen Wille für eine Verbesserung der Lage im Bereich Industriemilch kundzutun.

Um den Monat Juni mit all seiner Pracht erfolgreich abzuschliessen, hat die Migros am Freitag, dem 23. verkündet, sie werde sich Ende Jahr aus der BO Milch zurückziehen. Das war ein neuerliches Donnergrollen in einem Himmel, in dem sich Gewitterwolken schon lange ballen! Jeder Akteur kann frei entscheiden, welches Signal er senden will. Uniterre ist der Ansicht, dass dieser Entscheid unterstreicht, wie überflüssig die BO Milch ist, deren Funktionsweise wir schon lange anprangern. Migros hat gezeigt, dass sie autonom und eigenverantwortlich tun will, was sie schon lange macht: den besten Preis bezahlen. Dennoch kann auch sie der Kritik nicht entgehen. Der Vertrag zwischen ihr und den Produzenten enthält monatliche Lieferungen, die einen Zwölftel der jährlichen Menge betragen. Diese Menge kann um einige Prozent unter- oder übertreten werden, stärkere Abweichungen werden bestraft. Jeder Milchviehzüchter weiss, wie schwierig es ist, Monat für Monat eine konstante Lieferungen zu erbringen. Es gibt einfach zu viele Faktoren, die sich der Kontrolle entziehen: Futterangebot, Kalbungen, Euterentzündungen usw.). Für ELSA ist es auch einfacher, bessere Abnahmebedingung zu bieten, weil sie sich auf die Hochpreissegmente konzentriert und anderen, z. B. Cremo, die finanziell heiklen Segmente wie die Produktion von Butter und Milchpulver überlässt.

In den kommenden Wochen müssen wir die Entwicklung der BO Milch weiterverfolgen. Die anderen Mitglieder sagen, dass sie den abrupten Abgang der Migros bedauern. Wie dem auch sei, dies ist für sie der ideale Moment für Selbstkritik.

Inmitten dieser vielen Ankündigungen und Medienmitteilungen stehen die Produzenten. Während sich die Delegierten darüber streiten, wer Recht hat und wer der Beste ist, erhalten die Bauern weiterhin nur ein Hungerbrot für ihre Arbeit. 3 Rappen mehr machen zwar einen Unterschied, sind aber nicht genug, um die finanzielle Lage der Bauernfamilien zu sanieren. Die Milchkommission von Uniterre hat ihre Arbeit mit viel Elan wieder aufgenommen. Unsere wichtigste Botschaft hat sich im Verlauf der Jahre nicht geändert: Jede Produktion verursacht Kosten, inklusive Lohnkosten, und der Verkaufspreis muss alle diese Kosten decken, um das Fortbestehen einer Wirtschaftsbranche sicherzustellen. In einer Zeit, in der alle von Nachhaltigkeit sprechen, ist die Forderung von Uniterre über 1 Fr. pro Kilo Milch aktueller den je. Die Milchkommission hat diese Tatsache der Migros bereits wiederholt dargelegt, denn die Migros will ein Segment mit fairer Milch aufbauen. Wir warten ungeduldig darauf, wie die Kriterien für wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit, die in der Werbung so lustig angepriesen werden, in der Praxis umgesetzt werden.

Vanessa Renfer


Dienstag, 04 Juli 2017
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An die Medien

Lausanne, 4. Juli 2017

Milchbetriebe werden ausgeblutet! Es ist Zeit, zu handeln, und zwar an drei Fronten gleichzeitig, da unsere „Handelspartner“ die Lage der Bäuerinnen und Bauern missachten!


Demonstration vor dem Hauptsitz der BO Milch

Mengenverwaltung und faire Preise: diese zwei Pfeiler ermöglichen den Bauernfamilien eine Zukunft – sie stehen schwarz auf weiss in der Initiative für Ernährungssouveränität.

Die Abwesenheit von klaren Regeln im Milchmarkt hat Konsequenzen. Seit Jahren ist der Milchpreis stark am sinken. Diskussionen mit Handelspartnern, das Festlegen von Richtpreisen – die nie respektiert wurden –, Zentralisierungsbemühungen im Milchmarkt sowie Segmentierung, nichts fruchtet. Obwohl der internationale Milchpreis inzwischen wieder am steigen ist und in der Schweiz weniger produziert wird, stagnieren die Preise auf einem so tiefen Niveau, dass sie nicht einmal mehr die Hälfte der Produktionskosten decken.

Die Produktionskosten für Milch, ein äusserst nobles Produkt, liegen nachweislich zwischen 90 Rp. und 1.20 Fr. pro Liter Milch (Zahlen der Agrarforschungsanstalt). Die meisten Milchproduzenten erhalten im Durchschnitt 50 Rp. pro Liter. Für gewisse Milchsegmente (z. B. Einschränkungsmilch) oder nach Abzug gewisser Kosten durch die Abnehmer liegt der Milchpreis z. T. bei 10 Rp. pro Liter. Das ist ein Schande!

Wie ist es nur möglich, dass Schweizer Milch, nach Schweizer Qualitätsnormen produziert, im Detailhandel für nur 99 Rp. pro Liter verkauft wird? Das ist Dumping und sollte verboten werden. Insbesondere im Wissen um die menschliche Dramen, die sich auf den Bauernhöfen, am Anfang der Produktionskette, abspielen.

Der Ladenpreis für einen Liter Milch sollte rund 1.80 Fr. betragen, damit die Hersteller entlang der gesamten Wertschöpfungskette korrekt bezahlt werden (Bäuerinnen und Bauern, Landarbeiter/‑innen, Verarbeitende, Vertrieb). Zu Recht verhindern Gewerkschaften, dass die Löhne von Grenzarbeitenden in Euros ausbezahlt werden – weil dies zu Lohndumping führen würde – und fordern begleitende Massnahmen für den freien Verkehr. Desgleichen können Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz nicht tolerieren, dass ihre Milch zu einem so unfairen Preis verscherbelt wird.

Wir fordern

  • Faire Milchpreise, damit Bäuerinnen und Bauern anständig bezahlt werden.
  • Die aktive Teilnahme der Produzentinnen und Produzenten an einer modernen Mengenverwaltung, welche den Bedürfnissen der Bevölkerung entspricht. Wir müssen in den vorgelagerten Sektoren handeln, anstatt wahllos Hilfsfonds zur Evakuierung der Überproduktion zu bilden. Überproduktion verursacht eine Senkung der Preise im Inland. Sie ist eine ökologische und energetische Absurdität und zerstört die Märkte in den Ländern, in welche die Überproduktion zu Tiefstpreisen exportiert wird.
  • Allgemein gültige Abnahmeverträge zwischen Produzenten und Abnehmern, in denen jährliche Mengen festgelegt werden und die Preise mindestens sechs Monate Gültigkeit haben.
  • Das Recht für Produzentinnen und Produzenten, keine Überschussmilch zu produzieren (das Recht, die Produktion von C- oder sogar B-Milch zu verweigern).

Diese Forderungen stellen wir an drei Gesprächspartner:

  • An unsere Milchkäufer, mit denen wir angeblich eine Sozialpartnerschaft unterhalten… wenn sie nicht kurzfristig reagieren, werden wir entsprechende Massnahmen ergreifen!
  • An den Bund, der handeln muss, wenn die Situation so dramatisch ist. Das Landwirtschaftsgesetz liefert ihm die notwendigen Instrumente dazu. Wie bei einem sozialen Konflikt, kann sich der Bund als Schiedsrichter positionieren und eine befriedigende Lösung für den gesamten Sektor finden. Wir fordern vom Bund keine fixen Preise oder zusätzliche Direktzahlungen, sondern nur, dass die geltenden Gesetze umgesetzt werden.
  • An alle Schweizer Bürgerinnen und Bürger, die ihre Meinung bei der Abstimmung zur Initiative für Ernährungssouveränität einbringen können. Sie findet voraussichtlich 2018 statt. Diese Initiative liefert klare Lösungen für unsere desolate Situation.

Alle Forderungen sind in der Initiative für Ernährungssouveränität enthalten, in Absatz 5

5. [Der Bund] nimmt namentlich folgende Aufgaben wahr:

a. Er unterstützt die Schaffung bäuerlicher Organisationen, die darauf ausgerichtet sind, sicherzustellen, dass das Angebot von Seiten der Bäuerinnen und Bauern und die Bedürfnisse der Bevölkerung aufeinander abgestimmt sind;

b. Er gewährleistet die Transparenz auf dem Markt und wirkt darauf hin, dass in allen Produktionszweigen und -ketten gerechte Preise festgelegt werden;

c. Er stärkt den direkten Handel zwischen den Bäuerinnen und Bauern und den Konsumentinnen und Konsumenten sowie die regionalen Verarbeitungs-, Lagerungs- und Vermarktungsstrukturen.

www.souverainete-alimentaire.ch

Wir können gemeinsam eine nachhaltige Lösung finden; der Status quo ist unerträglich. Wir werden uns nicht mit einer Preissteigerung von 3 oder 5 Rappen pro Liter begnügen. Damit wird höchstens das schlechte Gewissen der Käufer entlastet, aber nützen tut es nichts. Der gesamte Milchsektor in der Schweiz braucht ein langfristiges Projekt.


Warum die heutige Demonstration?

Mit Bedauern stellen wir zum x-ten Mal fest, dass sich nichts ändert, trotz Ankündigungen von SBV und SMP zu reagieren, falls die BO Milch bis zum 1. Juli keine Schritte unternimmt. Heute ist der 4. Juli. Die BO Milch hat keine Preisänderung angekündigt und weder SBV noch SMP haben reagiert.