Rudi Berli, Gemüsebauer und Sekretär Uniterre

In der Einleitung zur Reform der Agrarpolitik stellt der Bundesrat fest, dass die Ziele in verschiedenen Bereichen erreicht wurden: "Die Einkommen in der Landwirtschaft sind in der Tat gestiegen, ..." aber einige Seiten später heisst es: "Die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der schweizerischen Agrar- und Ernährungswirtschaft ist ein vorrangiges Ziel der Agrarpolitik"!


Die Agrarreform ist eine Mogelpackung

Im Jahr 2018 wurde ein landwirtschaftliche Einkommen pro Betrieb von 70.600 CHF erreicht, was einer Steigerung von 4,1% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Das ist eine gute Nachricht, aber es ist alles relativ! Schweizerische Betriebe haben durchschnittlich 1,36 Vollzeitarbeitseinheiten.Das landwirtschaftliche Einkommen pro Arbeitseinheit beträgt somit 51'911 Franken. Der mittlere Schweizer Bruttolohn beträgt 78’000 Franken. Auf monatlicher Ebene entspricht dies für den Medianlohn 6’502 Franken brutto im Jahr 2016 und für das monatliche landwirtschaftliche Einkommen 4’340 Franken im Jahr 2018. Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Arbeitszeit in der Schweiz 41,5 Stunden pro Woche beträgt, während sie in der Landwirtschaft im Durchschnitt 60 Stunden beträgt, entspricht dies einem Stundenlohn von 39 Franken, oder 18 Franken für die Landwirt*innen! Dieser Unterschied ist in Hügel-und Bergregionen noch ausgeprägter. (siehe Tabelle)

Vergleichslohn 2016/2018 nach Region

Vergleichslohn im Dreijahresdurchschnitt 2016/2018, nach Regionen

Region

Arbeitsverdienst pro FJAE1

Vergleichslohn2


Fr. pro Jahr

Fr. pro Jahr

Talregion

57 343

74 664

Hügelregion

40 580

69 773

Bergregion

34 321

66 599


Quelle: BFS und Agroscope, Zentrale Auswertung von Buchhaltungsdaten; Zufallsstichprobe «Einkommenssituation»

1 FJAE: Familien-Jahresarbeitseinheiten, Median

Artikel 5 des Landwirtschaftsgesetzes sieht jedoch in Absatz 1 vor, dass "die in diesem Gesetz vorgesehenen Massnahmen zum Ziel haben, dass die Betriebe, die die Kriterien der Nachhaltigkeit und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erfüllen, im Durchschnitt über mehrere Jahre ein Einkommen erzielen können, das mit dem der erwerbstätigen Bevölkerung in anderen Wirtschaftszweigen derselben Region vergleichbar ist", und in Absatz 2, dass "der Bundesrat bei deutlich unter dem Bezugsniveau liegenden Einkommen vorübergehende Massnahmen zu deren Verbesserung ergreift". Und was geschieht ?

In seiner Botschaft zur neuen Agrarpolitik 22+ erwähnt der Bundesrat auf den ganzen 250 Seiten keine einzige Massnahmen, um Abhilfe zu schaffen!

Das Einkommen aus auswärtiger Arbeit ist oft die einzige Existenzabsicherung für das finanzielle Überleben. Sie beträgt im Durchschnitt 31’800 Franken. Betriebe, die auf Verarbeitung spezialisiert sind, sowie Betriebe, die im Pflanzenbau (Sonderkulturen oder Feldkulturen) tätig sind, gehören zu den Betrieben mit dem höchsten Durchschnittseinkommen. Die Aufzucht von Milchkühen, Mutterkühen und verschiedenen Rindern (d.h. Rinder und ein kleiner Anteil von Milchkühen) sowie die Aufzucht von Pferden, Schafen und Ziegen generieren hingegen ein Einkommen, das 15-30% unter dem Schweizer Agrardurchschnitt liegt.

Direktzahlungen

Auf buchhalterischer Ebene machen die Direktzahlungen im Durchschnitt etwa 25% (z.T bis zu 50%) der Erträge eines landwirtschaftlichen Betriebes aus. Das bringt uns zu dem Paradoxon, dass ausser dem Strukturwandel, d.h. dem allmählichen Abbau der bäuerlichen Landwirtschaft, keine markttechnischen Massnahmen zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Einkommen in der neuen Agrarpolitik vorgesehen sind! In der Tat ist es der zerstörerische Abbau der Betriebe, der das sektorale Arbeitseinkommen pro Jahresarbeitseinheit steigt lässt. Einige Landwirte werden zusätzlich zu ihren landwirtschaftlichen Betrieben bis zu 100% auswärts arbeiten, um zu versuchen, ihre massiv einbrechenden Girokonten zu retten, die sie mit mittelfristigen Krediten konsolidiert haben und die trotzdem schnell wieder in die roten Zahlen zurückfallen.

Verschuldung

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die durchschnittliche Verschuldung der Schweizer Betriebe (2017) bei fast 500.000 CHF lag, d.h. rund 50% des Vermögens. Pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche beträgt diese Schuld 20’000 CHF. ( Quelle Agroscope 2014)Die Landwirte leiden auch finanziell unter der verschobenen Auszahlungsagenda für ihre Ernten und ihre Arbeit. Während die Direktzahlungen im Juni und November erfolgen, werden die Girokonten zwischen Januar und Mai und zwischen Juli und Oktober stark stark belastet. Die Zahlungen für Getreide, Zuckerrüben kommen im Juli des auf die Ernte folgenden Jahres, die Zahlungen für Milch kommen auch erst nach der Lieferung (etwa 15 Tage nach Monatsende) und es gibt Produktionszweige, bei denen die Zahlung bis zu einem Jahr später erfolgt. Das Problem sind also nicht nur die niedrigen Preise, sondern auch die Staffelung der Direktzahlungen, die anstatt monatlich, zweimal jährlich ausbezahlt werden, sowie das Fehlen von Produktionsvorschüssen.

Welch anderer Wirtschaftssektor könnte eine solche Unsicherheit und eine so schwere Bürde auf sich nehmen?

Den gerecheten Preis zahlen, gut essen, ein Luxus?

Wenn wir genauer hinschauen, können wir sehen, wie das derzeitige Agrarmodell von den finanziellen und kommerziellen Interessen der großen Konzerne (aus dem agroindustriellen Sektor und den Supermärkten) bestimmt wird, die von etwas so Wesentlichem wie Lebensmitteln profitieren wollen. Dieses deregulierte Marktsystem macht aus BedürfnissenWaren und aus Rechten Privilegien und das Kochen mit Lebensmitteln von hoher Qualität zu einem Luxusgut. Junk-Food und die damit verbundenen Krankheiten betreffen heute hauptsächlich die Ärmsten, und der Unterschied zwischen Nahrung für die Reichen und Nahrung für die Armen wird verstärkt.

Ein nachhaltiges landwirtschaftliches Produktions- und Ernährungssystem ermöglicht es im Gegenteil, die gesamte Gesellschaft mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen und ein Landwirtschaftsmodell zu entwickeln, das die Umweltressourcen und die Landwirt*innen respektiert, indem im Voraus Produktions- und Abnahmeverträge zwischen Produzent*innen und Käufer*innen ausgehandelt werden.

Diese Verhandlungen können auf allen Ebenen stattfinden, zwischen Nachbarn*innen, rund um eine Kinderkrippe, einer Schule, einem Dorf oder eine Wohnsiedlung.Verträge können auch für eine ganze Warenkette von einer Organisation von Produzent*innen des Sektors mit Händlern und Verarbeitern ausgehandelt werden. Es wird jedoch Aufgabe des Bundes sein, einen Rahmen für demokratische, transparente und faire Verhandlungen zu schaffen. Es sind die Qualität, die Menge, der Preis, die Zahlungs- und Lieferbedingungen und die Produktionsvorauszahlungen, die im Voraus festgelegt werden müssen. Dieses System ermöglicht Transparenz bei den Handelsspannen und macht hochwertige Lebensmittel, die unter nachhaltigen, fairen Bedingungen produziert werden, für Produzent*innen und Konsument*innen. Dies sollte die gesellschaftliche Vision sein, die die Agrarpolitik leiten sollte.

(publiziert Uniterre Zeitung April 2020)

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Die bäuerliche Organisation Uniterre hat vom jüngsten Entscheid von BOM (Branchenorganisation Milch) Kenntnis genommen, für das nächste Quartal den Richtpreis für Industriemilch nicht zu erhöhen. Die Milchkommission, welche die Entwicklung auf dem Milchmarkt aufmerksam beobachtet und analysiert, ist empört und sprachlos.

Erstens:

Einmal mehr müssen wir feststellen, dass bei der Milch das hochheilige Marktgesetz von Angebot und Nachfrage immer nur in der einen und selben Richtung funktioniert. Obwohl 2019 die Jahres-Milchproduktion auf den tiefsten Stand seit 2007 zurückgefallen ist, sind Käufer und Verarbeiter nach wie vor der Meinung, dass keine Notwendigkeit besteht, das Ausgangsprodukt Milch neu zu bewerten. Wie immer müssen sich die MilchproduzentInnen beugen und sich mit dem Status quo von 71 Rappen pro Kilogramm (für das Segment A) begnügen. Gleichzeitig möchten wir mit Nachdruck darauf hinweisen, dass dieser Preis nur ein Richtpreis ist, der in der Praxis kaum realisiert wird, dass hingegen eine Erhöhung des Richtpreises den ProduzentInnen im Allgemeinen eine reale Verbesserung bringt.

Ein fragwürdiger grüner Teppich

Zweitens:

Während die BOM die Einführung des grünen Teppichs als Nachhaltigkeits-Standard begrüßt und als Erfolg und Fortschritt feiert, berichteten mehrere ProduzentInnen, dass ihr Käufer die Anteile von A- und B-Milch in der Milchabrechnung angepasst hat. Da der 3-Rappen-Zuschlag des Grünen Teppichs nur für das A-Segment ausbezahlt wird, werden die ProduzentInnen erneut betrogen, wenn der Anteil dieses Segments zugunsten des B-Segments sinkt. Ein neuer Trick, die Bauernfamilien um das ihnen zustehende Einkommen zu prellen. Das Milchpreismonitoring der Schweizer Milchproduzenten SMP zeigt klar auf, dass der durchschnittlich realisierte Milchpreis (Segmente A und B) seit September 2019 gesunken ist, und dies, obwohl alles drauf hindeutet, dass das Milchangebot knapp oder gar ungenügend ist. Vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht, dass aufgrund des Grünen Teppichs die Konsumentenpreise im Laden angehoben wurden. Welches Vertrauen können wir da noch in die Vertreter der ProduzentInnen in der BOM haben, wenn sie ihre Aufgabe nicht wahrnehmen und unsere berechtigten Anliegen nicht durchsetzen können?!?

Es leben die Butterimporte!

Einen sehr bitteren Nachgeschmack hinterlässt der Artikel im „Agri“ vom 28. Februar mit dem Titel "Des importations de beurre seront nécessaires pour combler le marché“ (Butterimporte werden notwendig sein, um den Markt beliefern zu können), in welchem die Freiburger Milchproduzenten-Organisation FSFL die aktuelle Marktsituation ausleuchtet. Ja, alles deutet darauf hin, dass wir angesichts der Buttervorräte, die zu Jahresbeginn fast bei Null lagen, und der Milchknappheit, die sich per Ende 2020 abzeichnet, auf die Gefahr einer Öffnung der weißen Linie zusteuern. Es ist erschreckend und entwürdigend, dass da die Notwendigkeit einer Erhöhung des Milchpreises für die ProduzentInnen nicht einmal in Erwägung gezogen wird. Noch einmal: Wofür sind unsere Verbände da, wenn sie nicht die Interessen von uns ProduzentInnen verteidigen und nicht dafür einstehen, dass unsere Arbeit fair und würdig entlöhnt wird? Wir sind sprachlos!

Die Milchkommission von Uniterre fordert von der BOM und den SMP eine Erhöhung des Milchpreises des A-Segments, eine glaubhafte Rechtfertigung der Erhöhung des Anteils des B-Segments und eine korrekte Umsetzung des Grünen Teppichs! Wollen wir das Ausbluten unserer MilchproduzentInnen stoppen, die Konsummilch-Produktion in der Schweiz erhalten und eine Öffnung der weißen Linie vermeiden, kommen wir nicht um einen besseren Milchpreis herum!

Der fulminante Start der Genossenschaft FaireMilch zeigt klar und unmissverständlich, dass der Schweizer KonsumentInnen durchaus bereit ist, für Milchprodukte mehr zu bezahlen, wenn er dabei die Gewähr hat, damit unsere Bauernfamilien zu unterstützen und ihnen zu einem würdigeren Leben zu verhelfen.

Quellen : Milchpreismonitoring, Bericht vom Dezember 2019, SMP und Milchabrechnungen

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Am 19. Juni 2019 wurde in Saxon, Wallis, eine Statue zum Gedenken an den Bauernaufstand von 1953 eingeweiht. Uniterre dankt dem lokalen Komitee für diese Initiative. Ein Rückblick: Tatsächlich, am 7. August des Jahres 1953 explodiert die Wut der Walliser Obstproduzent*innen: Die 6 Millionen Kilo der Schweizer Aprikosenproduktion kommen auf einem Markt, der bereits vollständig von den ausländischen Importen gesättigt ist (knapp 10 Millionen Kilo sind bereits in die Schweiz eingeführt). Eine Verordnung des Bundesrates blockiert die Ernte. Zuvor hatte der gleiche Bundesrat am 25. Juni die Fortsetzung der Einfuhren genehmigt, während das Agrargesetz von 1952 bereits eine Beschränkung der Einfuhr bei ausreichender einheimischer Produktion vorsah.

Um dieser Politik gegen die bäuerliche Landwirtschaft in der Schweiz entgegenzutreten, wurden nach dem Krieg mehrere Bauernverbände gegründet. Als Vorbild diente der 1949 in Saxon gegründete Verband der Walliser Produzenten (UPV). 1951 führte der Zusammenschluss der Bauernkomitees zur Gründung der l'Union des producteurs suisse (UPS - später Uniterre).

Am 7. August 1953 wurde eine Sitzung von einem Aktionskomitee einberufen, das sich aus Bauernverbänden sowie Vertretern der Politik und der Zivilbevölkerung zusammensetzte. "Die Regierung lässt zu, dass täglich tonnenweise Früchte aus Italien über den Simplon zu uns kommen. Während hingegen unsere Aprikosen an Ort und Stelle verrotten müssen. Das werden wir nicht länger geschehen lassen. Bürger*innen die Lage ist ernst. Doch wir werden gewinnen - diesmal mittels einer Demonstration unserer Kraft", legt Ferdinand Carron, Sprecher der Bauern und einer der Führer der UPS, der Versammlung dar. Es ist der Moment, in dem fast 5.000 Menschen, die in wenigen Stunden mobilisiert wurden, Strassen besetzen, Konvois im Bahnhof blockieren und Früchtekisten mit Importware aus den Waggons holen , um diese dann abzubrennen. Fünfzig Bauern werden angeklagt, etwa vierzig für schuldig befunden. Aber die Forderungen werden endlich gehört. Die Regierung unternimmt Schritte, um den Absatz sicherzustellen. Die Ernte kann fortgesetzt werden. Diese direkte Aktion der Bäuerinnen und Bauern, welche von der gesamten Region mitgetragen wurde, ermöglichte es, die Schlacht zu gewinnen.

Das UPS-Uniterre verstand sich damals bereits sowohl als soziale Bewegung als auch als Gewerkschaft. Die Hauptforderungen lauteten wie folgt und sind nach wie vor von entscheidender Bedeutung:

• Die UPS möchte verhindern, dass der Rückgang der Anzahl der Familienbetriebe anhält. Sie fordert, dass die Schweiz wieder zu 70% aus eigener Landwirtschaft versorgt wird. Die Verfassung garantiert eine starke und gesunde Landwirtschaft: Dieses Versprechen muss endlich erfüllt werden. (Bemerkung R.B.:Heute ist der Selbstversorgungsgrad unter 50% gefallen);

• Die UPS befürwortet eine Preispolitik, die sicherstellt, dass Familienbetriebe ein angemessenes Einkommen haben. „Wir fordern die gleichen sozialen Rechte wie Arbeitnehmer in anderen Wirtschaftsbereichen."

• Die Einfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse muss vom Verkauf einheimischer Erzeugnisse abhängig gemacht werden. Die UPS möchte, dass die Kontrolle der Importe von den Bauern übernommen wird. Die UPS fördert die Solidarität mit den Konsumenten.

Heute hat Uniterre diese Anforderungen mit den Aspekten einer nachhaltigen bäuerlichen Landwirtschaft weiter entwickelt, die auf einem respektvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen und der Bevorzugung von regionalen Kreisläufen beruht, um den dramatischen Auswirkungen eines zunehmend industrialisierten globalen Nahrungsmittelsystems entgegenzuwirken.

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Arte - ein Film von Klaus Balzer, Romy Strassenburg - 45 Min. - Verfügbar von 16.03.2017 bis 24.06.2018

Eine gerechte und umweltverträgliche Lebensmittelproduktion setzt bei den Produzenten und Konsumenten ein Umdenken voraus. Die Dokumentation nimmt in diesem Zusammenhang die Subventionsproblematik unter die Lupe. Ausgehend von konkreten Produkten zeigt sie die Auswirkungen EU-politischer Entscheidungen für den Verbraucher.

Barbara S. und ihr Mann Peter gehen in einem Hamburger Supermarkt jede Woche für ihre vierköpfige Familie einkaufen. Das Ehepaar muss, wie viele andere auch, beim Lebensmitteleinkauf aufs Geld schauen, das Budget ist knapp. Die Auswahl dagegen ist gigantisch. Tomaten aus Holland, Camembert aus Frankreich, Milch aus Deutschland - die Regale sind gefüllt mit Lebensmitteln aus ganz Europa. Und alle diese Lebensmittel werden subventioniert.
Etwa 58 Milliarden Euro des EU-Etats fließen jährlich in Agrarsubventionen - der größte EU-Einzelposten. Mit diesen Subventionen sollen vor allem die Existenz von Kleinbauern geschützt, die Preise für Lebensmittel stabilisiert und so letztlich die Versorgung mit Nahrungsmitteln gesichert werden. Außerdem sorgt das Milliardengeschenk der Steuerzahler an die Landwirte für billige Lebensmittel. Davon profitieren auch Familien wie die von Barbara S. seit Jahren. Ein Gewinn für alle, könnte man meinen.
Doch während das System billige Lebensmittel fördert, geraten viele Bauern und Erzeuger in eine Notlage. Kleinbäuerliche Betriebe werden verdrängt statt unterstützt. Nutznießer sind vor allem Massenproduzenten. Darunter leidet die Qualität der Lebensmittel, eine nachhaltige Land- und Viehwirtschaft ist kaum noch möglich. Wie viel die Produktion kostet und wie viele Subventionen in jedem einzelnen Produkt stecken, davon haben Verbraucher wie Barbara S. und ihr Mann keine Ahnung. Werden Subventionen richtig eingesetzt? Sind unsere Lebensmittel gar zu billig? Müssen wir umdenken?
Die Kosten der Produktion und der logistische Aufwand, um die Waren ins Regal zu befördern, sind immens. Doch in den Preisen spiegelt sich das kaum wider. So sind die Ausgaben deutscher Haushalte für Nahrungsmittel in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken, rund zehn Prozent geben sie heute noch für Lebensmittel aus. Zum Teil werden Produkte hier billiger verkauft als im Ursprungsland selbst. Welche Auswirkungen hat die Preisdrückerei auf die Qualität? Und wäre ein Verzicht auf Subventionen eine Lösung? Wie viel würden unsere Lebensmittel dann kosten?
Die Dokumentation zeigt Mechanismen und Folgen der EU-Agrarsubventionen am Beispiel von Milchwirtschaft, Broterzeugung und Fischfang auf. Deutlich wird, warum die Massenproduktion von Lebensmitteln so profitabel ist, aber auch, dass sie auf Kosten der Tiere und der Qualität geht, dass die ökologischen Probleme in der Landwirtschaft zunehmen und immer mehr Kleinbetriebe in den Ruin getrieben werden.

>> Film

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Fast 25 000 Unterschriften für die Petition von Uniterre gesammelt

Uniterre hat heute, am 27. März 2018, bei der Bundeskanzlei die Milchpetition eingereicht, mit der Forderung, den Milchproduzentinnen und Milchproduzenten 1 Fr. pro Liter zu bezahlen. Diese Petition wurde am 23. November 2017 lanciert, in 4 Monaten wurden 24 945 Unterschriften gesammelt – ein durchschlagender Erfolg! Das gute Ergebnis zeigt einmal mehr, dass sich Konsumentinnen und Konsumenten für das Thema interessieren und dass ihnen eine anständige Bezahlung der Bäuerinnen und Bauern am Herzen liegt. Die Marktstudien der FRC (Fédération Romande des Consommateurs/Konsumentenforum) zeigen: Konsumentinnen und Konsumenten sind bereit, mehr für die Milch zu bezahlen, wenn der Preisaufschlag den Produzentinnen und Produzenten zugutekommt.

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Lancierung der Milchpetition von Uniterre

«1 Fr./Liter für Milchbäuerinnen und Milchbauern damit sie endlich anständig leben können!»

Donnerstag, 23.November. Mobilisationstag mit einem 1. Treffpunkt um 10 Uhr auf dem Waisenhausplatz in Bern,gefolgt von einer «hausgemachten» Nachspeise (Rezeptgeheimnis Uniterre).


Knapp 10 Jahre sind seit dem Milchstreik vergangen. Wo stehen wir heute? Nun, leider müssen wir feststellen, dass sich seither nichts getan hat. Der Produzentenpreis für Industriemilch ist immer noch schändlich tief! Die Sendung vom 25. Oktober auf RTS1 «Les coulisses de l’événement: Lait amer et révolte paysanne» zeigt deutlich, wie wichtig es schon seit mehreren Jahrzehnten ist, dass wir uns wehren. Die Sendung ist absolut empfehlenswert: Da erfahren wir zum Beispiel, dass der Produzentenpreis dank dem Streik um 6 Rp./kg erhöht wurde. Nur – kaum sechs Monate später wurde er schon wieder um 9 Rp./kg gesenkt. Wie ist das möglich, nach all den Jahren der Bemühungen?

Nun, es ist möglich, weil die Branchenorganisation Milch – sie wurde gegründet, um die Interessen der Milchproduzenten zu vertreten – den Grossverteilern nicht gewachsen ist. Und es ist möglich, weil der Bund befindet, es gäbe wichtigere Interessen zu wahren, als diejenigen der Produzenten. Aber, sehr geehrte Damen und Herren aus der Politik, auch Produzentinnen und Produzenten sind Schweizer Bürgerinnen und Bürger und sollten vertreten werden, ganz so wie die Industrie, die Grossverteiler, der Wirtschaftsliberalismus…

Gerade unsere Grossverteiler verhöhnen die Konsumentinnen und Konsumenten mit irreführenden Werbungen: Hier eine faire Milch (Aldi), dort eine Fairness für Bauern (Denner)… und das letzte Baby von Coop: 3 Rp. mehr für die Produzentinnen und Produzenten – und einen Preisanstieg von 5 Rp. mehr für Konsumentinnen und Konsumenten nur wenige Wochen später. Nachdem in der Coopzeitung schwarz auf weiss stand, dass die Erhöhung der Produzentenpreise nicht auf die Konsumenten abgeschoben werde. Das aktuelle Motto lautet offenbar: „Lügen“.

Was bleibt für uns? Für uns Bäuerinnen, uns Bauern, uns Konsumentinnen und Konsumenten, uns Bürgerinnen und Bürger dieses Landes? Wir haben jetzt die Gelegenheit, unseren Verarbeitern und politischen Vertretern zu sagen, dass die Bauern genügend ausgelaugt sind. Es reicht jetzt. Wir wollen nicht mehr zusehen, wie ein Betrieb nach dem anderen verschwindet, Tag um Tag. Wir wollen in der Zukunft nicht Milch trinken und Milchprodukte essen, die aus Polen oder von sonst irgendwo importiert wurden. Und was in der Milchbranche gilt, gilt auch in allen anderen Branchen, denn die unsinnige Handelspraxis hat sich bereits überall breit gemacht.

Deshalb hat Uniterre jetzt beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen und eine Milchpetition zu lancieren, zusammen mit einem erläuternden Text (s.u.). Mit Ihrer Unterschrift, mit Ihrer Hilfe bei der Verbreitung der Petition, können wir diesen Kampf gemeinsam gewinnen!


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Presseerklärung Uniterre

Ende Juni 2017 haben einige Mitglieder der Branchenorganisation Milch dem Druck der Bauernorganisationen nachgegeben und angesichts der steigenden Preise auf dem Weltmarkt den Produzentenpreis um einige Rappen erhöht. Auch Coop hat sich verpflichtet, über ihren Zulieferer Emmi ab dem 1. Juli 2017 im A-Segment pro Kilo 3 Rappen mehr zu bezahlen.

Am Dienstag, dem 10. Oktober kündigte Coop an, dass diese Preiserhöhung auf die Konsumentenpreise übertragen wird. So kostet der Liter UHT-Milch neu 5 Rp mehr, dasselbe gilt für den halben Liter. Auch andere Milchprodukte werden teurer, insbesondere die Butter: das Stück zu 250 g steigt von 2.85 Fr. auf 2.95 Fr. an. Wie immer, in solchen Situationen, wird der Konsumentenpreis stärker erhöht, als die Produzentenpreise! Die Marge der Verteiler wird kaum wahrnehmbar grösser, doch angesichts der Gesamtmilchmenge sind auch so kleine Beträge von Bedeutung.

Am Schlimmsten sind jedoch die Lügen des orangen Riesen: Coop behauptet, den Bäuerinnen und Bauern einen fairen Preis zu bezahlen. Doch mit 3 Rp. mehr verändert sich die Lage der Produzenten nicht enorm. Natürlich ist jede Preiserhöhung positiv zu werten, aber der Preis, den die Produzenten von Coop seit Juli erhalten (und die Produzenten einiger anderer Verarbeiter seit dem 1. Oktober, da auch der Richtpreis der BO Milch inzwischen um 3 Rp. erhöht wurde), ist von Fairness weit entfernt. Mit Stundenlöhnen, die in den meisten Fällen unter 10 Fr. pro Stunde liegen, kann nicht gesagt werden, dass die Bäuerinnen und Bauern faire Preise erhalten.

Es stimmt, dass der Milchmarkt stark von den europäischen und internationalen Märkten mitbestimmt wird und die Bäuerinnen und Bauern somit einer starken, ausländischen Konkurrenz ausgesetzt sind, dennoch bleibt die Marge der Verteiler typisch helvetisch.

Uniterre

Lausanne, 12. Oktober 2017




Wenn Sie in den letzten Wochen auch nur eine einzige Zeitung aufgeschlagen haben, konnten Sie es zweifellos nicht vermeiden. Das Wort «fair» ist überall. Und ganz besonders im Diskurs der grossen Unternehmen, die sich in ein positives Licht rücken wollen.

Wir alle kennen den fairen Handel durch die Weltläden oder Max Havelaar, welche den produzierenden Bauern überall auf der Welt anständige Arbeitsbedingungen schaffen wollen. Es hat aber viele Jahre gedauert, bis Stimmen laut wurden, um aufzuzeigen, dass auch die Schweizer Landwirtschaft etwas mehr Fairness brauchen könnte. Und eigentlich braucht es ja nicht viel, um zu erkennen, dass dies ein hervorragendes Werbeargument ist. Zwei kleine Schlaumeier haben das sehr schnell erkannt und ohne grossen Aufwand zu ihrem Nutzen verwendet.

Die Migros zuerst. In einem Interview steht Folgendes zu lesen: «Das gesamte Milchsortiment kann als «fair» bezeichnet werden, denn die Produzenten erhalten die höchsten Preise der Schweiz». Na gut. Nichtsdestotrotz eine komische Folgerung. Wenn jemand einen bessern Preis bezahlt, bedeutet das noch lange nicht, dass der Preis korrekt ist. Davon sind wir noch weit entfernt.

Auf zweiter Stelle steht der kleine Aldi, der seitens der Bauern auf einer Sympathiewelle surft und gemeinsam mit Cremo eine faire Milch herstellt. Als sich herausstellte, was sich hinter diesem neuen Label versteckt, tat man gut daran, sich hinzusetzen. Erstens eine zusätzliche Anforderung an die Bauern: das RAUS-Programm ist obligatorisch und wird verdoppelt, mit 26 Tagen Auslauf pro Monat. Das geht in Ordnung, wenn der Produzent einen Laufstall hat. Wenn er hingegen keine Möglichkeit hatte, einen modernen Stall zu bauen, muss er von nun an jeden Samstag seine Kühe hinauslassen, sonst schafft er die obligatorische Menge nicht. Danke Aldi, dass sich die Bauern wenigstens am Sonntag ausruhen dürfen… Aber man darf jetzt nicht denken, das geschehe um der guten Sache willen! Zwar wurden die Produzentenpreise um rund 20 Rappen erhöht, aber die Konsumenten müssen bis zu 35 Rappen mehr bezahlen, um diese Milch zu kaufen. So geht das: etwas mehr verdienen und gleichzeitig etwas fürs Gewissen tun. Wobei Aldi bestimmt erklären würde, das sei fürs Marketing und die zusätzlichen Kosten...

Wir dürfen uns ganz legitim fragen, wer in dieser Geschichte am meisten betrogen wird? Der Bauer, der mehr arbeitet, um 20 Rappen mehr zu verdienen, auch wenn der Verdienst schlussendlich sowieso bei weitem nicht ausreicht, um von der Milchproduktion zu leben? Oder der Konsument, den man im Glauben lässt, etwas Gutes zu tun, während er doch vor allem etwas für die Detailhändler tut, die sich ja nun wirklich nicht beklagen können?

Wir von Uniterre denken, dass Migros und Aldi einen Nachhilfekurs in englischer Sprache nötig haben. Gemäss Duden bedeutet « Fairness »: anständiges Verhalten; gerechte, ehrliche Haltung andern gegenüber. Diese Qualität geht den beiden Sortimenten vollständig ab. Wissen Sie, Fairness muss man verdienen. Die Bauern haben ihren Teil des Vertrages erfüllt. Jetzt, liebe Detailhändler, sind Sie an der Reihe!

Vanessa Renfer


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In der kleinen Welt der Schweizer Milch war es in den letzten Monaten alles andere als langweilig. Ist das womöglich der frische Wind einer Änderung, der uns um die Nase bläst? Die Anzeichen des Marktes, insbesondere auf europäischer Ebene, machen Hoffnung, deshalb haben wir die Nachrichten mit viel Aufmerksamkeit verfolgt.


Am 24. März 2017 war das vierteljährliche Treffen der BO Milch. Wollten die Abnehmer endlich einen Schritt in die richtige Richtung machen und den Produzenten etwas mehr Geld fürs Portemonnaie geben? Aber nein! Wie schon viel zu oft in der Vergangenheit hat der ausbleibende Kompromiss um eine Erhörung des Richtpreises im A-Segment dazu geführt, dass alles beim Alten blieb. Wir waren enttäuscht und der Richtpreis blieb bei 65 Rp. pro Kilo.

Die Frustration der Bauern war voraussehbar. Die Reaktion einiger Mitglieder der Branchenorganisation seitens der Abnehmer war da schon eher erstaunlich und lenkten die Aufmerksamkeit aller auf die Migros und ihre Fabrik ELSA. Emmi war die erste, die Kritik äusserte: es sei doch nicht normal, dass Migros zwei Sitze erhalte (ein Sitz für die Migros, einer für ELSA, um genau zu sein). Coop, die sich mehrheitlich bei Emmi versorgt, liess keine Zeit verstreichen und doppelte nach. Die Migros habe verhindert, dass die gesamte Branche ab dem 1. Juli pro Kilo Milch 3 Rappen mehr bezahle. Im jahrelangen Duell zwischen den beiden orangen Riesen hat Coop mit ihrer Geste bestimmt ein positives Signal an die Branche gesendet, doch sie hat auch, geben wir es zu, einen geschickten Marketingcoup gelandet. Sie hat beschlossen, die ominösen 3 Rappen, welche die BO Milch abgelehnt hatte, in Eigeninitiative an ihre Produzenten zu bezahlen.

Diese Nachricht hat uns natürlich etwas ratlos gemacht. Coop ist kein direkter Abnehmer von Rohmilch – wie also kann sie sich absichern, dass ihr Geld tatsächlich bei den Produzenten ankommt? Auf unsere Anfrage haben sie geantwortet, dass sie gemeinsam mit ihren Lieferanten an einer Lösung arbeiten. Wir bleiben dran.

Währenddessen hat sich auch der Sturm bei Migros/ELSA nicht gelegt. Sowohl im bäuerlichen Milieu und unter den Konsumenten als auch auf politischer Ebene sind Stimmen laut geworden, die einen Boykott gegen die Migros fordern. Als offenbar ideale Schuldige hatte die Migros ihre Strafe verdient. Aber wir stellten uns die Frage, ob wir dieser Verurteilung folgen sollten. Auf den ersten Blick war die Antwort eindeutig, aber bei genauerem Hinsehen, ist mehr daran. Die Zahlen der SMP zeigen eine andere Wahrheit: Die Migros bezahlt pro Kilo Milch im Durchschnitt rund 5,7 Rp. mehr alle andere Abnehmer, das entspricht rund 10 %. Sie ist die Akteurin, welche dem Richtpreis der BO Milch am nächsten kommt – obwohl auch sie noch darunter liegt. Also ist die Kritik der anderen Akteure nur Augenwischerei und dient dazu, zu verstecken, dass sich niemand an die Spielregeln hält. Auch die Migros hat im Milchgeschäft keine weisse Weste, aber in diesem spezifischen Bereich ist die Kritik nicht begründet.

Anfang Juni hat der Schweizer Bauernverband eine Medienmitteilung mit einem Ultimatum für die Abnehmer veröffentlicht: Wenn der Richtpreis bis am 1. Juli nicht der internationalen Situation angepasst (also erhöht) werde, wolle der SBV Massnahmen ergreifen – ohne Details. Bis heute, dem 4. Juli, wurde offenbar noch nichts unternommen.

Der SBV hat Ende Frühling aber noch andere Massnahmen getroffen. Eine Arbeitsgruppe Milch sollte gegründet werden und Uniterre hat darauf gedrungen, mitzumachen. So sind Claude Demierre, Max Fragnière und Paul Ecoffey am 9. Juni nach Bern gefahren, in der Tasche eine Liste mit Forderungen und Vorschlägen: Auszahlung des Richtpreises, Erhöhung des Milchpreises in Verbindung mit den Produktionskosten, Aufhebung der Segmentierung, Überarbeitung der Statuten der BO Milch, weil immer nur die Abnehmer den Ton angeben. Sie sollten bitter enttäuscht werden: ausser ihnen waren nur drei Mitglieder des SBV anwesend und zur Verständigung war keine Übersetzungshilfe vorgesehen. Unsere Delegierten fühlten sich verarscht, sie hatten den Weg umsonst angetreten und wurden nicht mit der angemessenen Wertschätzung behandelt. Der SBV hat eine komische Art, seinen Wille für eine Verbesserung der Lage im Bereich Industriemilch kundzutun.

Um den Monat Juni mit all seiner Pracht erfolgreich abzuschliessen, hat die Migros am Freitag, dem 23. verkündet, sie werde sich Ende Jahr aus der BO Milch zurückziehen. Das war ein neuerliches Donnergrollen in einem Himmel, in dem sich Gewitterwolken schon lange ballen! Jeder Akteur kann frei entscheiden, welches Signal er senden will. Uniterre ist der Ansicht, dass dieser Entscheid unterstreicht, wie überflüssig die BO Milch ist, deren Funktionsweise wir schon lange anprangern. Migros hat gezeigt, dass sie autonom und eigenverantwortlich tun will, was sie schon lange macht: den besten Preis bezahlen. Dennoch kann auch sie der Kritik nicht entgehen. Der Vertrag zwischen ihr und den Produzenten enthält monatliche Lieferungen, die einen Zwölftel der jährlichen Menge betragen. Diese Menge kann um einige Prozent unter- oder übertreten werden, stärkere Abweichungen werden bestraft. Jeder Milchviehzüchter weiss, wie schwierig es ist, Monat für Monat eine konstante Lieferungen zu erbringen. Es gibt einfach zu viele Faktoren, die sich der Kontrolle entziehen: Futterangebot, Kalbungen, Euterentzündungen usw.). Für ELSA ist es auch einfacher, bessere Abnahmebedingung zu bieten, weil sie sich auf die Hochpreissegmente konzentriert und anderen, z. B. Cremo, die finanziell heiklen Segmente wie die Produktion von Butter und Milchpulver überlässt.

In den kommenden Wochen müssen wir die Entwicklung der BO Milch weiterverfolgen. Die anderen Mitglieder sagen, dass sie den abrupten Abgang der Migros bedauern. Wie dem auch sei, dies ist für sie der ideale Moment für Selbstkritik.

Inmitten dieser vielen Ankündigungen und Medienmitteilungen stehen die Produzenten. Während sich die Delegierten darüber streiten, wer Recht hat und wer der Beste ist, erhalten die Bauern weiterhin nur ein Hungerbrot für ihre Arbeit. 3 Rappen mehr machen zwar einen Unterschied, sind aber nicht genug, um die finanzielle Lage der Bauernfamilien zu sanieren. Die Milchkommission von Uniterre hat ihre Arbeit mit viel Elan wieder aufgenommen. Unsere wichtigste Botschaft hat sich im Verlauf der Jahre nicht geändert: Jede Produktion verursacht Kosten, inklusive Lohnkosten, und der Verkaufspreis muss alle diese Kosten decken, um das Fortbestehen einer Wirtschaftsbranche sicherzustellen. In einer Zeit, in der alle von Nachhaltigkeit sprechen, ist die Forderung von Uniterre über 1 Fr. pro Kilo Milch aktueller den je. Die Milchkommission hat diese Tatsache der Migros bereits wiederholt dargelegt, denn die Migros will ein Segment mit fairer Milch aufbauen. Wir warten ungeduldig darauf, wie die Kriterien für wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit, die in der Werbung so lustig angepriesen werden, in der Praxis umgesetzt werden.

Vanessa Renfer