#

Die Union des Producteurs Suisses, wie Uniterre bis 2001 hiess, wurde 1951 gegründet. In Lausanne schlossen sich bäuerliche Gruppierungen aus der Romandie zusammen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus Protest gegen die staatliche, von den etablierten landwirtschaftlichen Verbänden mitgetragene Agrarpolitik formiert hatten. So schlossen sich in der Waadt Milchproduzenten in der Union Romande des Agriculteurs (URA) zusammen, um mit Streiks gegen die vom Bundesrat verordneten Preissenkungen zu kämpfen. Und im Wallis gründeten Obst- und Weinbauern 1949 die Union des Producteurs Valaisans (UPV). Diese setzte sich insbesondere für einen besseren Grenzschutz der Aprikosen während der kurzen Erntezeit ein. Allen Gruppierungen gemeinsam war, dass sie den etablierten landwirtschaftlichen Verbänden vorwarfen, zu stark mit dem Vollzug der staatlichen Agrarpolitik beschäftigt zu sein, um die Anliegen ihrer Basis wirkungsvoll vertreten zu können.

Nach dem Zusammenschluss der regionalen Gruppierungen zur UPS wurden in allen Kantonen der Romandie und im (damals noch bernischen) Jura Sektionen gegründet. Während fast zwei Jahrzehnten war die UPS trotz ihres Namens ausschliesslich in der Romandie aktiv. Nach Bern fuhr man, um dort gegen agrarpolitische Massnahmen des Bundes zu protestieren. Spektakuläre Protestveranstaltungen, die zuweilen zu Tumulten und Besetzungen von Gebäuden führten, hatten schon die regionalen Vorgängerorganisationen der UPS praktiziert. Schon bald begann der Staatsschutz, deren Tätigkeiten zu überwachen und Fichen über viele ihrer Exponenten anzulegen. 1967/68 begann die UPS, mit Exponenten der Bäuerlichen Aktionskomitees aus der Deutschschweiz zusammenzuarbeiten. Zeitweilig schlossen sich die beiden Gruppierungen sogar in einem „Schweizerischen Komitee zum Schutz bäuerlicher Interessen“ zusammen. Bäuerliche Aktionskomitees waren ab 1963 in den Kantonen Bern und Luzern sowie in der Ostschweiz aus ähnlichen Gründen entstanden wie die UPS Anfang der 1950er Jahre in der Romandie. Allerdings gab es immer auch Unterschiede. Auf der einen Seite taten sich die Deutschschweizer zuweilen schwer mit der kompromisslosen Kritik, mit der die UPS-Aktivisten Behörden und Verbandsvertreter attackierten. Auf der anderen Seite gab es auch inhaltliche Differenzen. In der Romandie bemühte sich die UPS immer wieder aktiv um eine Zusammenarbeit mit den organisierten Konsumentinnen, Gewerkschaftern und linken Oppositionsgruppierungen in den Städten. In den 1970er Jahren erklärten 90 Prozent der UPS-Mitglieder, sie würden die Anliegen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft unterstützen. Dieser Aspekt fehlte bei den Aktionskomitees in der Deutschschweiz fast vollständig. Diese pflegten kaum Beziehungen zu oppositionellen Gruppierungen ausserhalb der bäuerlichen Bevölkerung. Immer auch abhängig war die Zusammenarbeit zwischen UPS und Aktionskomitees davon, ob führende Exponenten sich in der jeweils anderen Sprache verständlich konnten.

Am intensivsten war das Zusammengehen zwischen der UPS und den Aktionskomitees in den 1970er Jahren. 1973/74 organisierte man gemeinsam Demonstrationen, eine davon vor dem Bundeshaus in Bern. Und 1978 ergriffen UPS und Aktionskomitees das Referendum gegen den Milchwirtschaftsbeschluss, der die Kontingentierung der Milchproduktion auf der Ebene jedes einzelnen Betriebes vorsah. Diese Massnahmen empfand man als besonders ungerecht, konnten kleinere und mittlere Betriebe wegen der Preispolitik der Bundesbehörden doch nur überleben, wenn sie ihre Produktion ausdehnten.

Verhältnis zu den Behörden und dem SBV

Die Formulierung von Kritik an den Behörden gehörte gewissermassen zur DNA der UPS. Dem Schweizerischen Bauernverband schloss sich die UPS nie als Mitglied an, weil man den Dachverband primär als den verlängerten Arm des Bundesamtes für Landwirtschaft wahrnahm. Aber auch, weil die UPS ein grundsätzlich anderes Verständnis vom bäuerlichen Betrieb hatte als der SBV. Dieser betrachtete den bäuerlichen Betrieb als Unternehmen und betrachtete die Bauern als Unternehmer, die ihren Hof mit Hilfe ihrer Familie auf eigenes Risiko führten. Ob ein Betrieb erfolgreich war oder nicht hing, aus dieser Perspektive betrachtet, in erster Linie vom Betriebsleiter und seiner Familie ab. Angesichts der seit dem Ersten Weltkrieg umfassende Ausmasse annehmenden Eingriffe des Staates in die Nahrungsmittelproduktion auf der Ebene des Einzelbetriebes betrachteten sich die Mitglieder der UPS als „travailleurs de la terre“, die nur überleben konnten, wenn der Staat eine Agrarpolitik betrieb, die es den Betrieben ermöglichte, ein mit den Einkommen in der übrigen Gesellschaft vergleichbares Einkommen zu erzielen.

"Die UPS ist eine Gewerkschaft der Menschen, die auf dem Land arbeiten, die für den Erhalt einer grossen und anständig bezahlten bäuerlichen Bevölkerung kämpft" heisst es in der Union vom 2. Juni 1982. "Sie setzt sich vorrangig für den Erhalt der kleinen und mittleren Familienbetriebe ein. Sie kämpft gegen die Grossbetriebe, die auf eine übermässige Industrialisierung der Landwirtschaft ausgerichtet sind. Sie fordert die strikte Anwendung der Verfassung und der demokratischen Gesetze unseres Landes, die "postulieren", dass die gesamte Bevölkerung in Frieden und Arbeitszufriedenheit leben können muss. Sie fordert ein angemessenes Einkommen für bäuerliche Familien gemäss dem Landwirtschaftsgesetz von 1951.

Erreicht werden sollten diese Zielsetzungen mit der Festlegung von Preisen, die die Kosten der Produktion deckten, nicht mit Subventionen.

Massiv verschlechtert haben sich die Beziehungen zwischen dem Bauernverband und der UPS 1961 anlässlich der grossen, vom SBV organisierten Demonstration auf dem Bundesplatz in Bern „gegen die Unterbezahlung der bäuerlichen Arbeit“, die auch von der UPS unterstützt wurde. Nachdem es am Rande der Demonstration zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen war, die in der Presse scharf verurteilt wurden, beschuldigte der SBV die UPS durch „ihr extrem linkes Verhalten“ die ganze Bauernschaft in den Dreck gezogen zu haben.

Exponenten

Geprägt worden ist die UPS auch von ihren führenden Exponenten. Von 1951 bis 1958 amtierte der Walliser Léon Broccard als Präsident. Danach übte der Genfer Weinbauer Louis Berguer diese Amt aus. Ihm folgte 1974 der Waadtländer Pierre Tombez, der 1981 von Martin Chatagny aus dem Kanton Freiburg abgelöst wurde. Eine wichtige Figur war zudem Louis Chillier, der von 1951 bis 1967 als Sekretär amtierte. Abgelöst wurde er vom Jurassier Raymond Chapatte, der bis zu seinem Tod 1982 gute Beziehungen zu Vertretern der Bäuerlichen Aktionskomitees wie Ernst Baumgartner unterhielt. In den 1970er Jahren eine wichtige Rolle spielte zudem Ernst Därendinger, ein Deutschschweizer, der in Echichens einen Hof führte (und nebenbei auch noch Bücher schrieb). Därendinger verfasste auch zahlreiche Artikel für die „Union“, das Publikationsorgan der UPS seit 1951. Diese erschien in den 1970er Jahren zeitweilig zweisprachig. Als deutschsprachiger Redaktor wirkte ebenfalls Ernst Därendinger.

Als Pierre Tombez 1981 das Präsidium abgab, übernahm mit Martin Chatagny ein Aktivist der neuen Generation die Führung, der sich auch für entwicklungspolitische Fragen engagierte. Bekannt geworden ist Chatagny auch als Vertreter jener Bauern und Bäuerinnen, die als Protest gegen die Einführung der Milchkontingentierung begannen, ihre Milch „schwarz“, d.h. illegal zu verkäsen und direkt an die KonsumentInnen zu verkaufen.

Diese Aktivitäten lösten nicht nur harsche Reaktionen der Behörden aus, sie wurden auch nicht von allen UPS-Mitgliedern goutiert. Zusammen mit dem durch den Strukturwandel mitverursachten Mitgliederschwund führten die internen Auseinandersetzungen auch zu einer finanziellen Krise. Im Sommer 1984 hiess es: „Etre ou ne pas être“. Das Comité Directeur musste im Juli rigorose Sparmassnahmen beschliessen. Fernand Cuche, der im Jahr zuvor als Sekretär gewählt worden war, trug viel zur Reorganisation und zur Konsolidierung bei. Der gewiefte Rhetoriker und Kommunikator übte dieses Amt während mehr als zwei Jahrzehnten aus und wurde in der Öffentlichkeit als wichtigster Repräsentant der UPS wahrgenommen.

Rückzug in die Romandie und neue Kontakte in die Deutschschweiz

In den 1980er Jahre geriet nicht nur die UPS in der Romandie in eine Krise, sondern auch die Bäuerlichen Aktionskomitees in der Deutschschweiz. Mit der Gründung der Kleinbauernvereinigung (VkmB) und der BioSuisse zu Beginn des Jahrzehnts begannen sich kritische Bauern und Bäuerinnen in neuen Organisationen zu engagieren. Weil sich die VKMB zuerst ganz auf die Forderung nach differenzierten Preisen festlegte und dann auf die vorbehaltlose Unterstützung der von der offiziellen Agrarpolitik forcierten Einführung von Direktzahlung setzte, gab es zwischen der VkmB und der UPS auch substantielle inhaltliche Differenzen, die eine engere Zusammenarbeit verhinderten. Die UPS setzt nach wie vor auf das Postulat gerechter Preise, die sie mit der Schaffung von Marktordnungen zu realisieren versuchte, die die Produzenten stärkten.

Doch die neue, anfangs der 1990er Jahre mehrheitsfähig gewordene Agrarpolitik setzte auf eine ganz andere Strategie: Die Trennung von Produktion und Ökologie.

Sie wollte mit einer liberalen Handelspolitik den internationalen Wettbewerb stärken und mit einer interventionistischen Umweltpolitik die auch durch diesen Wettbewerb ausgelöste ökologische Degradierung verhindern. Eine der wichtigsten Massnahme der unter dem Slogan von „mehr Markt“ und „mehr Ökologie“ propagierten neuen Agrarpolitik waren Direktzahlungen zur Abgeltung von Ökodienstleistungen.

Im Gegensatz zu den Biobauern, der VkmB und auch dem Bauernverband konnte sich die UPS mit dieser Politik nicht anfreunden. Sie geriet in den 1990er Jahren erneut auf Konfrontationskurs mit den Behörden, als sie zusammen mit der Association des Groupements et Organisations Romandes de l'Agriculture (AGORA) den Bund im Zusammenhang mit den BSE-Massnahmen auf Schadenersatz verklagte. Die UPS argumentierte, der Bund habe den Bauern einen grossen Schaden zugefügt, weil er nach Ausbruch der BSE-Krankheit anfänglich auf ein Fütterungsverbot von Tiermehl verzichtet habe. Nachdem die zuständige Rekurskommission, ein vom Finanzdepartement unabhängiges Verwaltungsgericht, die Klage guthiess, lehnte sie das Bundesgericht jedoch ab.

Um die Jahrhundertwende protestierte die UPS vermehrt auch gegen die Preispolitik der Grossverteiler. Als sie im Jahr 2001 Verteilzentren blockierte, reichten Coop und Migros Klagen wegen Nötigung und Hausfriedenbruch gegen mehr als hundert UPS Mitglieder in mehreren Kantonen ein. Dass UPS-Aktivisten für ihre Aktionen vor Gericht gezogen wurden, gehörte seit den späten 1940er Jahren zwar fast zum Alltag der Organisation. Doch diesmal fielen die damit verursachten Anwaltskosten so hoch aus, dass die Organisation erneut in finanzielle Schwierigkeiten geriet.

Nach der Jahrtausendwende nannte sich die UPS nicht nur in Uniterre um, sondern begann erneut, sich auch in der Deutschschweiz organisatorisch auszubreiten. Es entstanden mehrere Sektionen. Und in dem nun ebenfalls in Uniterre umbenannten Publikationsorgan erschienen wie schon in den 1970er Jahren vermehrt auch Artikel auf Deutsch. Mit Köbi Alt wurde 2012 erstmals ein Deutschschweizer zum Ko-Präsidenten gewählt. Allerdings verschob sich dadurch das geografische und politische Zentrum der Organisation nicht. Uniterre blieb eine Gruppierung, die primär in der Romandie tätig war.

Peter Moser, Archiv für Agrargeschichte

#

Zum 70. Geburtstag: Was passt besser, ein Fest oder ein Hilferuf zur Rettung der Erde? Vor siebzig Jahren gründeten Bäuerinnen und Bauern die Union des producteurs suisses (UPS), woraus die Uniterre hervorging. Zum Zusammenschluss sahen sie sich veranlasst, um sich Gehör zu verschaffen, denn damals wurden ihre Anliegen innerhalb vom Bauernverband (SBV/ USP) nicht erhört – und heute?

In den 1950er Jahren die Obst- und Gemüsekrise, erste Demonstrationen, der Preiszerfall, die Produzent*innen werden durch Importe unter Druck gesetzt. Die Anfänge der UPS.

Das politische Ringen beginnt gerade erst – erste industrielle Bauernhöfe, Skandale in der Schweinemast, der Rinderwahn,… Viele dieser Fälle waren von Produzent*innen vorausgesagt worden, aber man hielt sie für «zu bäuerlich, zu einfältig», um etwas von der Sache zu verstehen. Die Wirtschaft will um jeden Preis Geld machen, produziert Industriemehl, spart bei der Sterilisation des Tierfutters, das Drama nimmt seinen Lauf.

Wer bezahlt die Rechnung? Die Produzent*innen, immer! Sie erhalten zu wenig für ihre Produkte und gleichzeitig erwartet man von ihnen grosse Investitionen. Nicht weil es sinnvoll ist, sondern nur um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Jüngstes Beispiel: die Schleppschläuche.
Die Milchkrise, die Abschaffung der Milchquote, einmal mehr sind es die Produzent*innen, die zur Kasse gebeten werden. Uniterre prangert an, ein Milchstreik, aber die Preise bleiben tief.

In der Milchbranche, im Gemüsebau, die Preise brechen in allen Sektoren zusammen. Uniterre wehrt sich immer noch, aber offensichtlich geht es unseren Landwirtschaftsbehörden nicht um die Bäuerinnen und Bauern, sondern um die Wirtschaft.

Uniterre präsentiert Lösungen: Ernährungssouveränität, Wertschöpfungsketten transparent und lokal gestalten, die Lösungen werden ignoriert.

Dabei: Ist Uniterre nicht visionär? Wenn wir gehört werden, kommt es gut: die Sortenorganisation Gruyère, die faire Milch, regionale Produkte,… Auch wenn sich Uniterre im letzten Moment oft zurückziehen muss, weil man bei diesen Lösungen die Nähe zur Bauern- und Bäuerinnengewerkschaft verbergen will.

Was verlangt Uniterre? Faire Preise, die die Produktionskosten decken und den Bäuerinnen und Bauern ein Einkommen bieten. Ein ideales Szenario, in dem Direktzahlungen nicht mehr nötig wären.

Wir stehen heute vor wichtigen gesellschaftlichen Veränderungen, aber es ist an der Zeit, dass bei der Bewahrung der Erde die Erfahrungen der Produzent*innen berücksichtigt werden. Dazu sind zwei Dinge unumgänglich: Das Verständnis für die Gegebenheiten im Feld, und natürlich angemessene Preise.

Für die Produzent*innen ist dies selbstverständlich nur ein Anfang. Sie müssen auch lernen, über ihr tägliches Schaffen zu reden, damit die Konsument*innen verstehen, dass die Arbeit zwar ihren Preis hat, dabei aber auch Produkte von aussergewöhnlicher Qualität entstehen.

Zum Schluss dieses Editorials möchten wir allen danken, die sich bei Uniterre für den Schutz der Produzent*innen eingesetzt haben. Der Kampf geht weiter.

Max Fragnière

#

Die Zukunft ist anders

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung, so heisst es doch immer. Und da ist viel Wahres dran. Denn es sind weitere Initiativen in der Pipeline, die uns sicher beschäftigen werden. So zum Beispiel die Volksinitiative „Keine Massentierhaltung in der Schweiz“,die „Biodiversitätsinitiative“ oder die „Gletscherinitiative, für ein gesundes Klima“, Gesundheit, Klima, Umwelt- und Tierschutz sowie internationale Handelsbeziehungen sind Themen, die sehr präsent sind, jetzt und in Zukunft.

Deshalb ist der Dialog so wichtig. Wir wollen nicht noch einmal ein derart vergiftetes Klima erleben wie vor der letzten Abstimmung über die beiden Agrarinitiativen zu den Pestiziden. Was tun? Zuerst einmal ist der vorausschauende Dialog mit allen Kräften innerhalb von Uniterre zu fördern, um uns gegenseitig zu verstehen und eine Position zu finden. Das braucht Zeit und erfordert Respekt und die Fähigkeit zuzuhören sowie einen starken Vorstand und die Zusammenarbeit aller Sektionen und Menschen, die Uniterre nahestehen.

Wie können wir uns in Debatten einbringen, die wir oft nicht selber initiiert haben aber in deren Fokus die Landwirtschaft steht?

Für Uniterre ist es entscheidend, mit den verschiedensten Bewegungen in Kontakt zu treten, auch wenn sie nicht genau auf unserer Linie sind. Wer ist das schon? Wir sollten unsere Beziehung zu Umwelt- und Entwicklungsorganisationen und den Bürger*innenbewegungen für Klima und Landwirtschaft stärken. Gerade weil sie einen ganz anderen Hintergrund haben, gerade weil sie häufig aus einem städtischen Umfeld kommen und gerade weil sie von unseren Realitäten wenig wissen, müssen wir sie einladen zu gemeinsamen Gesprächen und zwar lieber früher als später.Die Klimastreik-Bewegung (climatestrike.ch) zum Beispiel hat 63 Massnahmen zum Thema Landwirtschaft aufgestellt. Zu anderen Themen wie Mobilität, Raumentwicklung oder Energieversorgung sind es weit weniger. Fazit ist, landwirtschaftliche Themen bekommen viel Aufmerksamkeit. Viele dieser Massnahmen sind uns jedoch bekannt, und auch wenn sie als radikal empfunden werden können, gehen sie in die richtige Richtung. Die Jugend will bessere Zukunftsaussichten und sucht den Dialog, also müssen wir uns darauf einlassen; überall da, wo dies möglich ist, auf dem eigenen Hof, in der Nachbarschaft, mit unseren Kundinnen und Kunden und bei Uniterre.

Durch die Ablehnung der verschiedenen Vorlagen wurden die Anliegen nicht vom Tisch gewischt. In dieser Ausgabe befassen sich mehrere Beiträge mit diesen Themen. Wir danken für die Texte und Leserbriefe und wünschen allen eine gute Lektüre.

Ulrike Minkner, Bäuerin und Uniterre Sekretärin

#

Entscheidend ist der Preis.

Die Landwirtschaft ist in der Schweiz nach wie vor ein heisses Thema. Im Fokus der Öffentlichkeit stehen der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die intensive Züchtung und Futtermittelimporte. Das bisherige scheinbar bewährte Modell wird in Frage gestellt und die gesamte Landwirtschaft ist in Aufruhr.

Auf viele Fragen gibt Uniterre weiterhin die einzige Antwort, die wirklich zählt: faire Preise. Weil jede Anstrengung einen Lohn verdient und weil ein Qualitätsprodukt, wie es von einem immer grösser werdenden Teil der Bevölkerung gefordert wird, einen Aufwand hat, der durch einen angemessenen Verkaufspreis gedeckt werden sollte. So findet jede der Debatten, die die bäuerliche Welt bewegen, ihre Lösung, zumindest zu einem grossen Teil, durch einen geeigneten Preis, einen fairen Preis. Dies kann nicht oft genug gesagt werden.

Es wird erwartet, dass die Schweizer Bäuerinnen und Bauern ohne synthetische Pflanzenschutzmittel arbeiten? Dann ist es nur fair, dass die Risiken des Anbaus und mögliche Ertragseinbussen sowie der zusätzliche Arbeitsaufwand durch einen höheren Preis kompensiert werden.

Es wird erwartet, die Grösse der Betriebe zu reduzieren und das Futter vor Ort zu produzieren? Dann muss die Produktion dieses Futters aufgewertet werden und das Fleisch und die Milch dieser Tiere müssen einen Preis haben, der den Bauernfamilien ein Leben in Würde ermöglicht.

Es wird darüber geklagt, dass ausländische Butter importiert werden muss, weil die lokale Produktion nicht mehr ausreicht? In diesem Fall muss ein transparenter Markt sicherstellen, dass die Milch in die richtigen Kanäle fliesst und zu einem fairen Preis verkauft wird.

Wollen wir auf Palmöl verzichten? Lassen Sie uns damit beginnen, das Beste aus der eigenen Ölsaatenproduktion zu machen, und zwar nicht nur durch die Zahlung einer Anbauprämie!

Ausserdem ist es bedauerlich, dass viele landwirtschaftliche Themen in die Öffentlichkeit geworfen werden, ohne dass die Bäuerinnen und Bauern vorher konsultiert werden. Es ist ein notwendiges Übel, von Zeit zu Zeit an der Kokospalme zu rütteln, um voranzukommen. Durch einen vorherigen Dialog mit der Landwirtschaft könnten jedoch viele Rückschläge und die traurigen Abrechnungen, die in den sozialen Netzwerken zu sehen sind, vermieden werden. Können wir vorankommen und konstruktive Lösungen finden, wenn wir uns nicht verstehen? Sicherlich nicht. Als Mitglieder einer Organisation wie Uniterre können wir nur hoffen, dass in Zukunft der Dialog von Anfang an geführt wird, um spätere unnütze Debatten zu vermeiden.

Vanessa Renfer, Bäuerin und Uniterre Sekretärin


#

Und die Menschen ?

Ob ich davon leben kann? Das werde ich immer wieder gefragt, wenn ich von meiner Arbeit als Bäuerin auf dem Hof erzähle. Nein, das kann ich nicht. Ich habe einen kleinen Zuverdienst bei Uniterre (Zeitung, Redaktion und Layout). Da bin ich keine Ausnahme, im Gegenteil. Im Agrarbericht heisst es dazu: «Das ausserlandwirtschaftliche Einkommen hat in der Hügel- und Bergregion mit einem Anteil am Gesamteinkommen von 34 % eine grössere Bedeutung als in der Talregion mit 28 %.» Fazit: Auf sehr vielen Höfen ist das ausserlandwirtschaftliche Einkommen ein wichtiger Bestandteil des Gesamteinkommens, es macht circa einen Drittel aus. Da ich die Arbeit für die Zeitung von Uniterre quasi vom Schreibtisch aus erledigen kann, ist dieser Nebenerwerb für mich ideal. Ich muss den Hof für diese Arbeit nicht verlassen und kann meistens frei darüber verfügen, wann ich sie erledige. Für die meisten Bauern und Bäuerinnen ist das weniger einfach. Für sie heisst es, der Tag muss durchorganisiert sein. Hof, Stall, Tiere, Küche, Kinder, Garten, Direktvermarktung und die Arbeit auswärts sind so einzuteilen, dass alles funktioniert und niemand zu kurz kommt; nicht zu vergessen die Beziehungen innerhalb der Familie, zu den Mitarbeiter*innen und die sozialen Kontakte nach aussen.

Ich möchte hier einen Blick auf die Frauen werfen. Es gibt Frauen, die nicht auf dem Hof mitarbeiten, sondern mit ihrer Arbeit in anderen Branchen zum Gesamteinkommen des Betriebs beitragen. In vielen Fällen obliegt den Frauen dennoch ein Grossteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung. Es gibt Frauen, die ihre Arbeitszeit aufteilen und wieder andere arbeiten ausschliesslich auf dem Betrieb. Die Standard-Bäuerin gibt es nicht. Eines ist uns Bäuerinnen und Bauern aber gemeinsam, wir haben volle Tage.

Der Agrarbericht stellt erneut fest, dass sich ein Trend fortsetzt: Die Anzahl der Betriebe nimmt ab und gleichzeitig nimmt die Grösse der verbleibenden Betriebe laufend zu. «In der Schweiz gab es im Jahr 2019 insgesamt 50 038 Landwirtschaftsbetriebe, 814 weniger als im Vorjahr, im Jahr 2000 waren es noch 70 537 Betriebe insgesamt.» Die verbleibenden Höfe bewirtschaften immer mehr Fläche mit immer grösseren Maschinen. Das sind Zahlen, aber dahinter stehen Menschen und Schicksale. Wenn die Höfe grösser werden, die Anzahl der Beschäftigten aber gleichzeitig sinkt, hat das Konsequenzen. Oft sind diese Höfe hoch verschuldet und die Arbeit wird einsam, denn mit Maschinen, Robotern und Computern kann man nicht reden, schon gar nicht über Sorgen oder Zukunftsperspektiven.

Wir bei Uniterre reden viel, diskutieren viel, organisieren und kritisieren, wir mischen uns ein und stellen Forderungen für eine einträgliche und zukunftsgerichtete Landwirtschaft und für den Erhalt unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen. Damit das so bleibt, brauchen wir Sie, Euch alle. Und deshalb freuen wir uns auf Begegnungen, Eure kreativen Einmischungen und Eure finanzielle und ideelle Unterstützung im neuen Jahr.

Ulrike Minkner, Bäuerin und Sekretärin Uniterre

#

Welcher Wert ?

Diese Ausgabe bespricht die Konferenzen und Workshops , die am Welternährungstag am 16. Oktober stattfanden. Die Fallstricke des globalen und des schweizerischen Agrar- und Ernährungssystems sind aufgezeigt worden: Zunächst einmal die Machtkonzentration in den Händen der Agrarindustrie und der Grossverteiler; die fehlende Transparenz und die ungleiche Verteilung der Margen innerhalb der Kette. Diese Ungleichheit wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass die Grossverteiler einige oder sogar alle Stufen der Verarbeitung und Verteilung kontrollieren. Viele landwirtschaftliche Produkte werden von wenigen Händlern aufgekauft, die umso mehr Druck ausüben können. Es ist in der Tat schwierig, höhere Preise für Bäuerinnen und Bauern einzufordern, wenn man vom guten Willen von ein oder zwei Käufern abhängt, die zudem über die Mengen entscheiden, die sie zu vermarkten bereit sind.

Die Bauern und Bäuerinnen kultivieren und züchten nach Vorschriften, sie sind verpflichtet, nach strengen Kriterien zu produzieren, Kriterien, die der Vielfalt des Lebens widersprechen: Standardisiertes Obst, Gemüse und Getreide, Tiere, die ein bestimmtes Gewicht und eine bestimmte Fleischqualität erreichen müssen, und Milch, die definierte Anteile an Fett und Eiweiss enthalten muss! Jede Abweichung von diesen Vorgaben wird mit einer Senkung des Preises bestraft.

Doch die Natur ist das Gegenteil von Standardisierung und Homogenität. Aber das ist es, was die Industrie braucht, und die Landwirtschaft strebt danach, diese Nachfrage zu befriedigen –zu welchem Preis?

Deshalb lassen Sie uns über den Preis sprechen!

Der Preis, der an die Bauern und Bäuerinnen gezahlt wird, ist unanständig! Er berücksichtigt weder die geleistete Arbeit noch die Risiken, die die Produktion beeinflussen (Wetter, Schädlinge usw.). Dies ist ein Hindernis für den Übergang zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft, vor allem aber leugnet der tiefe Preis die Tatsache, dass landwirtschaftliche Produkte die Grundlage vieler Arbeitsplätze sind: ohne landwirtschaftliche Produkte, keine handwerkliche Verarbeitung, ohne Lebensmittelindustrie, keine Geschäfte. Die Arbeit der Bauern und Bäuerinnen ermöglicht die Schaffung und Erhaltung vieler Arbeitsplätze. Allein diese Tatsache sollte für einträgliche Preise sprechen!

Es muss eine faire und transparente Verteilung der Gewinne in der gesamten Wertschöpfungskette geben. Ein Rahmen muss vom Bund geschaffen werden, denn gemäss der Erklärung über die Rechte der Bauern und anderer im ländlichen Raum tätiger Personen ist die Schweiz verpflichtet, alles zu tun, um die Stellung der Bauern und Bäuerinnen in den Verhandlungen zu stärken (Art. 9.3) und dafür zu sorgen, dass die in der Schweiz ansässigen Handelsunternehmen die Rechte der Bauern und Bäuerinnen achten und stärken (Art. 2.5). Michelle Zufferery Uniterre
#

Getriebene !

Handel gibt es, seit es Menschen gibt: Kreditgeschäfte und erst später das Münzgeld begründen die heutige Schuldenwirtschaft. Der Mensch wurde zur Konsument*in, später zu Schuldner*in gemacht. Produziert wird rund um die Uhr, Waren werden um den ganzen Planeten transportiert und schlussendlich konsumiert. Wenn da Sand – oder ein Coronavirus – ins Getriebe kommt, ist der Teufel los. Ganze Branchen sind gefährdet oder gehen Pleite. Jetzt, nach 6 Monaten Lockdown, soll der Staat retten, was noch zu retten ist: Die Swiss, die gar keine Schweizer Airline mehr ist, Kurzarbeit für das Gewerbe und das Hoffen auf weitere Unterstützung. Viele Konzerne, wie Sulzer oder Schindler, haben aufgrund gesunkener Gewinne bereits Entlassungen angekündigt, andere verlegen ihre Produktion in Billiglohnländer. Schwer trifft es in der Schweiz die rund 200’000 Beschäftigten in prekären Arbeitssituationen wie Zeitarbeit und Arbeit auf Abruf, z.B. in der Gastronomie, Hotellerie und im Reinigungsgewerbe.

Die Weltenuhr tickt plötzlich anders. Nehmen wir das Auto oder den neuen Traktor als Beispiel. Würde der bisherige nicht noch locker weitere 10 Jahre seinen Dienst tun? Was, wenn alle den Kauf verschieben würden? Katastrophe! Es gingen blitzschnell viele Arbeitsplätze verloren. Anderes Beispiel: Die Schweizer Bevölkerung will nicht noch mehr Käse essen. Es wird mehr als genug produziert, zusätzlich kommt sehr viel Käse aus der EU in die Schweiz, also exportieren wir die Überschüsse. Ein Grund weshalb der Schweizer Bauernverband in der Regel am Schluss jedes Freihandelsabkommen durchwinkt, denn der Käse muss ja irgendwo «verbraucht» werden.
Entschuldigt die drastische Vereinfachung. Die eigentliche Frage, wie es zu dieser ungesunden Überproduktion in der Landwirtschaft kommt, darf nicht länger ein Tabu bleiben.

Auch die Schweizer Wirtschaft ist auf der Suche nach neuen Absatz- und Wachstumsmärkten z.B. in Indonesien und in den Mercosur1-Staaten gelandet: Bedienen, erobern, um die Überschüsse loszuwerden. Wie in Zeiten des Kolonialismus. Neue Erdteile wurden „entdeckt“, erobert, kolonialisiert und die Menschen vor Ort versklavt. Heute geht es vornehmer mithilfe von bilateralen oder multilateralen Freihandelsabkommen. Diese führen heute in den betroffenen Ländern weder zu mehr Wohlstand noch zu mehr Zufriedenheit, im Gegenteil. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) kommt in seinen Studien zum Schluss, die ökologischen und ökonomischen Agrarauswirkungen in der Schweiz2und in den Mercosur-Ländern seien gering. Das ist zu kurz gegriffen, denn die Schweiz ist Teil eines Systems, einer weltweiten Konkurrenzwirtschaft, angetrieben von einer ungesunden Wachstumsspirale. Das macht uns zu Getriebenen dieses Systems und das hat sehr wohl grosse Auswirkungen auf die Menschen, auf die Umwelt und aufs Klima. Wir glauben nicht an Wirtschaftswunder, sondern daran, dass wir uns kritisch und entschlossen gegen weitere Freihandelsabkommen stellen müssen.

1 Mercosur Vollmitglieder: Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay

2 Im Rahmen der EFTA: Norwegen, Island, Fürstentum Lichtenstein, Schweiz

Ulrike Minkner, Bäuerin und Sekretärin Uniterre

#

APPELL AN DIE VERNUNFT !

Im April wandten wir uns mit einem offenen Brief an Bundesrat Guy Parmelin, in dem wir die Entgleisungen der jüngsten Entscheidungen bezüglich der Importe, insbesondere von Rindfleisch und Eiern, anprangerten.

Ebenfalls im April machten wir unsere Ablehnung des Imports von 1'000 Tonnen Butter bekannt. Im März kämpften wir an der Seite der Gemüsebäuerinnen und -bauern für die Wiedereröffnung der Märkte in den Städten, glücklicherweise mit Erfolg.

Es waren Appelle an die Vernunft und den gesunden Menschenverstand. Die Coronavirus-Krise verdeutlicht unsere grundlegendsten Bedürfnisse: Sicherheit, Essen, Trinken und die Wahrung der Menschenwürde. Wenn das Unwahrscheinliche eintritt und die Grenzen sich schliessen, bedeutet autonom zu sein, frei zu sein. Zwar bietet uns die Digitalisierung eine kostengünstige Globalisierung auf dem Silbertablett, aber für eine reiche Nation wie die unsere war der Schock, als wir feststellen mussten, dass uns dies sehr wenig nützt, umso grösser. Ohne die Unterstützung aus fernen Ländern, deren Ressourcen wir in der Regel schamlos ausbeuten, kommen wir nicht über die Runden. Wir sind beispielsweise abhängig von ihrer Arbeitskraft zur Herstellung landwirtschaftlicher Produkte oder von Gütern des täglichen Bedarfs. ,

Unter dem Vorwand, die Sicherheit der Bürger*innen zu gewährleisten, reagierte die politische Klasse in einer Weise, die insgesamt vorhersehbar war. Die Erleichterung von Importen ist eine Notfallreaktion. Die Schliessung städtischer Märkte bedeutet, nicht wirklich über mögliche Lösungen zur Unterstützung der Bäuerinnen und Bauern nachzudenken. Die Zeit mag ein knappes Gut gewesen sein, die Milliarden an Unterstützungsgeldern nicht. Umso besser, wenn dadurch unsere KMUs gerettet werden.

Die Bürger*innen reagierten auf unterschiedlichste Weise. Sie nahmen sich das Recht, nachzudenken und Solidarität zu zeigen. Sie gingen zurück auf die Bauernhöfe, um lokal einzukaufen. Sie stellten aus dem, was ihnen zur Verfügung stand, Stoffmasken her. Sie improvisierten als Lehrer*innen. Sie reagierten auf den Aufruf der Krankenhäuser, den Gesundheitsteams freiwillige Unterstützung anzubieten. Sie nutzten ihr Talent, um allen unentbehrlichen Berufen ihre Dankbarkeit zu zeigen, auch denen, die am schlechtesten bezahlt werden. Sie kümmerten sich um ältere und verletzlichere Menschen.

Solidarität, Teilen und gemeinsames Handeln war die Chance für uns, ein Stück Autonomie zurückzuerobern angesichts der vielen unbekannten Parameter in dieser Krise. Viele Schweizerinnen und Schweizer handelten zu Beginn aus Pflichtgefühl. Aber in vielen Fällen ist es schlussendlich zu einer Freude geworden und hat dem Leben einen neuen Reiz verliehen.

Vanessa Renfer, Bäuerin und Uniterre Sekretärin

#

UND DANACH ?


Wir schreiben diesen Leitartikel mitten in einer Phase von Einschränkungen und mit der Hoffnung, dass sich bis Mai jeder und jede unserer gefährlichen Abhängigkeit von Importen (Lebensmittel, Brennstoffe, Rohstoffe für Unternehmen, pharmazeutische Produkte usw.) bewusst wird. So beschloss Russland, der weltweit führende Weizenexporteur, am 3. April 2020, seine Exporte verschiedener Getreidesorten, darunter auch Weizen, bis zum 30. Juni zu begrenzen. Dies beweist, dass im Falle einer Knappheit nationale Interessen immer Vorrang haben werden.

Martina Brun schreibt, dass die Pandemie die Schwächen unseres Systems entlarvt: Unsere Abhängigkeit von Importen macht die Schweiz vor allem in Krisenzeiten vom guten Willen und den politischen Strategien von Drittstaaten abhängig. Die Schweiz muss daher Anstrengungen unternehmen, um ihre Autonomie und Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln zu erhöhen. Dies erfordert eine starke Agrarpolitik, die die heimische Produktion und kurzewiderstandsfähige Lieferketten unterstütz.

Unser Wald ist ein Gut, das es zu erhalten und aufzuwerten gilt! Als hocheffiziente Kohlenstoffsenke hat er auch ein interessantes Potenzial als Brennholz (Erhöhung der Energieautonomie) und für das Baugewerbe. Die Schweizer Holzindustrie muss gestärkt werden, damit die forst- und holzbezogenen Berufe überleben und sich eine gesunde lokale Industrie darum herum entwickeln kann. Während des zweitägigen Anlasses "Widerstand am Tellerrand" bekräftigten die rund 200 Anwesenden, welche Bedeutung sie der lokalen Landwirtschaft beimessen, einer Quelle der Verbundenheit von Natur und Tierwelt, respektvoll gegenüber Männer und Frauen, Bauern und Bäuerinnen und Arbeiter*innen, in der Schweiz und überall auf der Welt. Jeder und jede sollte ein Lohn erhalten und unter soziale Bedingungen leben, die ein würdevolles Leben ermöglicht!

So ist es inakzeptabel, dass wir Obst und Gemüse konsumieren, das die Preise der einheimischen Produktion massiv unterbietet und von unterbezahlten Arbeitern* ohne Versicherung und Schutz produziert und geerntet wird. Es ist inakzeptabel, dass wir importiertes Fleisch konsumieren, das über Tausende von Kilometern transportiert wurde und dafür im Herkunftsland die Arbeiter*innen ausgebeutet werden! Indem wir diese Produkte importieren und konsumieren, sind wir mitverantwortlich für menschliche Tragödien!

Es ist an der Zeit, ein System zu entwickeln, das auf Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Verantwortung beruht. Es ist an der Zeit, dass alle Beteiligten mit Führungsverantwortung in allen Sektoren, einschliesslich der Grossverteiler, über die Auswirkungen ihres Handelns sei es auf die Bauernfamilien oder die Arbeiter*innen auf den Feldern, bei der Verarbeitung, der Verpackung oder im Warenverkehr, Rechenschaft ablegen.

Michelle Zufferey, Sekretärin Uniterre

#

Schutz

Sprechen wir über Freihandel. Es geht nie um freien Handel auf Augenhöhe oder gleichberechtigte Handelsbeziehungen, sondern um die Durchsetzung mächtiger Interessen von multinationalen Konzerne und Investor*innen. Bei den geistigen Eigentumsrechten oder beim Saatgut sind sie z.B. hochprotektionistisch, hier bildet das Wirtschaftsabkommen mit Indonesien keine Ausnahme. Den Hintergrund analysiert die deutschen Soziologin Maria Mies treffend: „Diese wachsende Ungleichheit zwischen und innerhalb der Länder ist aber nicht zufällig, sondern ist ein notwendiges Strukturelement der neoliberalen Globalisierung. Diese Ungleichheit ist für die Konzerne das, was sie als „komparative Kostenvorteile“ in ihrer Konkurrenz um die billigste Arbeitskraft und die laxesten Umweltbedingungen nutzen.“ Gemäss Globalisierungskritiker Noam Chomsky wird im Gegensatz zur Ersten die Dritte Welt zur Liberalisierung gezwungen. Mit verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt.
Ein weiteres Kennzeichen ist, dass dabei nach Möglichkeit sämtliche demokratischen Entscheidungsprozesse umgangen werden. Freihandel soll nicht vors Volk und wird völlig instransparent ausgehandelt. Das war beim Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen (GATT) der Fall (Beitritt 1966) und bei der World Trade Organisation (WTO) 1995 ebenso. Mit dem Abkommen (CH-Indonesien) wird die Nachhaltigkeit ins Feld geführt und der neue Verfassungsartikel bemüht (Art. 104 d): „grenzüberschreitende Handelsbeziehungen, die zur nachhaltigen Entwicklung der Land- und Ernährungswirtschaft beitragen“. In der Präambel des Wirtschaftsabkommens sind die Grundwerte der UNO für nachhaltige Entwicklung verankert, ebenfalls Bestimmungen zu Umweltfragen und Arbeitsnormen sowie die nachhaltige Bewirtschaftung des Pflanzenölsektors, um nur einige Punkte zu nennen. Papier ist geduldig! Es fehlen griffige Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten. Wir bevorzugen den Schutz unserer einheimischen Landwirtschaft und einen möglichst weitgehenden Verzicht auf Palmöl, das die Umwelt in Indonesien zerstört und dessen gesundheitliche Risiken bekannt sind.
Mit dem Vorstandbeschluss vom 14. Februar 2020 unterstützt Uniterre das Referendum gegen das Freihandelsabkommen mit Indonesien, das am 20. Dezember 2019 vom Parlament angenommen wurde. Damit wird erstmalig ein Referendum gegen ein Freihandelsabkommen in der Schweiz ergriffen. Viel Zeit bleibt uns allerdings nicht: Einreichefrist ist der 9. April 2020. Jetzt den beigelegten Unterschriftenbogen unterschreiben und auch umgehend zurücksenden. •

Mathias Stalder, Uniterre Sekretär